Gesundheit : Ernüchterung

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität

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Manchmal ist Ernüchterung eine Sache von hohem Wert. Selbstverständlich habe ich mit den Studierenden, die ich gerade für rund zwei Wochen in Jerusalem unterrichte, versucht, das jüngst vom Regisseur James Cameron präsentierte Grab Jesu zu finden. Und das, obwohl ich wie alle ernst zu nehmenden Kollegen nicht glaube, dass eine einfache Familie aus Nazareth in einem eleganten Jerusalemer Gemeinschaftsgrab liegt. Und natürlich weiß, dass die auf einer Knochenkiste aus diesem Grab stehende Inschrift „Mariamne, die auch Mara genannt wird“, nicht „Maria Magdalena“ meinen kann und diese Worte auch kaum griechisch geschrieben worden wären, da Jesus aramäisch sprach.

Obwohl ich also nach wie vor denke, dass die Grabeskirche in der Mitte der Altstadt der wahrscheinlichste Ort der Grablegung Jesu ist, sind wir vergangene Woche zu Camerons Grab gezogen. Was man, wenn man eine reichliche halbe Stunde von der historischen Altstadt in das Stadtviertel Ost-Talpiyot gewandert ist, zwischen langweiligen Hochhäusern der achtziger Jahre sehen kann, ist überaus ernüchternd: eine luschig gegossene Betonplatte mit den Initialen der Filmgesellschaft Camerons bedeckt die Grabanlage. Mit anderen Worten: Es gibt nichts, aber auch gar nichts zu sehen.

Für solche rasche Ernüchterung kann man aber nur höchst dankbar sein. Als vor fünf Jahren eine Knochenkiste mit der Inschrift „Jakobus, Sohn des Joseph, Bruder Jesu“ präsentiert wurde, war das noch ganz anders. Obwohl sich nach einer Weile herausstellte, dass die Inschrift gefälscht war, konnten sich viele Wissenschaftler kaum halten. Einer erklärte, die Inschrift sei zu 85 Prozent echt und hielt die Gebeine für die des Herrenbruders. Und als 1931 der israelische Archäologe Sukenik in Berlin die erste Kiste mit der Aufschrift „Jesus, Sohn Josephs“ präsentierte (inzwischen gibt es vier Belege einer solchen Inschrift), meldeten Zeitungen und Rundfunk unisono: „Jesu Grab entdeckt“, obwohl nicht einmal der exakte Fundort bekannt war.

An der Archäologie des Heiligen Landes und dem, was in diesem Zusammenhang alles für Archäologie ausgegeben wird, kann man erkennen, dass in der Wissenschaft wie im Leben zunächst einmal Nüchternheit gefragt ist. Nicht jede scheinbare Entdeckung verdient sofort helle Begeisterung.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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