Kängruhen, das wird in vielen Ländern noch als Bonbon gesehen, als nettes Zusatzangebot. Es ist aber mehr.

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Känguruhen : In Mamas Beutel
Vorbild Tierreich. Alle Kängurubabys sind Frühchen. Sie reifen nach der Geburt im Beutel des Muttertiers. Auch für den Menschen sei diese Methode geeignet, sagen Ärzte. Die Frühgeborenen würden im Schnitt eher aus der Klinik entlassen.
Vorbild Tierreich. Alle Kängurubabys sind Frühchen. Sie reifen nach der Geburt im Beutel des Muttertiers. Auch für den Menschen...Foto: picture alliance / dpa

Mütter, die viel känguruhen, schütteten mehr Hormone aus, die das Stillen in Gang brächten, erklärt Michael Abou- Dakn, Chefarzt der Klinik für Geburtshilfe des St. Joseph Krankenhauses. Und Muttermilch helfe gegen eine besonders häufige Komplikation bei Frühgeborenen: eine mangelnde Durchblutung des Darms. Abou-Dakn führt noch weitere Argumente für mehr Hautkontakt mit den Eltern außerhalb des Inkubators an: Frühgeborene Kinder könnten nachweislich ihre Temperatur besser stabilisieren, wenn sie viel känguruhten, sagt er. Und sie schütteten weniger Stresshormone als andere Frühchen aus.

Frühgeborene, die viel mit ihren Eltern känguruhen, werden positiv in ihrer Entwicklung beeinflusst. Sie werden im Durchschnitt früher aus der Klinik entlassen und entwickeln sich körperlich und geistig schneller als andere Frühgeborene, die keinen so intensiven Kontakt zu ihren Eltern hatten. So fassten es der Heidelberger Neonatologe Otwin Linderkamp schon vor einigen Jahren zusammen. Thomas Kühn, Oberarzt im Perinatalzentum des Vivantes Klinikums Neukölln und Mitglied im Bundesverband „Das frühgeborene Kind“, sieht das ähnlich. Er kritisiert, dass der Wandel, den Bührer beschwört, noch nicht weit genug fortgeschritten ist: „In den meisten zivilisierten Ländern wird Känguruhen immer noch als Bonbon gesehen, als nettes Zusatzangebot.“ Zwei bis drei Stunden Känguruhen pro Tag sei längst nicht ausreichend , um den Kindern die besten Möglichkeiten zu einer ungestörten Entwicklung zu bieten. Nur etwa zehn Prozent des Tages verbrächten die Frühchen in Berliner Kliniken außerhalb des Inkubators. Das müsse mehr werden. „Wir Ärzte müssen lernen, dass es genauso zur Therapie gehört wie Beatmung und künstliche Ernährung – als integraler Bestandteil.“ Als Vorbild nennt er Kliniken in Stockholm, in denen Frühgeborene fast 70 Prozent des Tages auf dem nackten Bauch der Eltern verbrächten. Doch dafür müsste sich so einiges im Krankenhausalltag ändern.

Technisch sei es nicht schwierig, ein beatmetes Frühchen aus dem Inkubator zu holen und es auf den Bauch von Mutter oder Vater zu legen, erklärt Bührer. „Aber aufwendig. Man braucht geschultes Personal: erfahrene Kinderkrankenschwestern mit einer Zusatzqualifikation in pädiatrischer Intensivpflege oder zumindest fünf Jahren Erfahrung.“ Während die Babys aus dem Inkubator geholt werden, sind zwei Schwestern dabei. Manchmal auch noch ein Arzt. Seit dem ersten Januar existieren neue Richtlinien, nach denen für jedes beatmete Frühchen eine eigene Schwester pro Schicht zuständig sein soll. Bislang sei es eine Schwester auf zwei Frühchen gewesen. So soll „entwicklungsfördernde Pflege“ besser gewährleistet werden. Damit sei Känguruhen gemeint, sagt Bührer. Deshalb will er jetzt auch das Personal aufstocken. Bislang komme es – wenn auch nur sehr selten – vor, dass mal nicht genug Personal da ist, um den Eltern das Känguruhen zu ermöglichen. Grundsätzlich gilt auf Bührers Station aber: „Eltern sind hier keine Besucher. Sie gehören ins Team.“

Einer aus diesem „Team“, ein Vater von Mehrlingen, kommt gerade von seinen Kindern. Seit mehreren Wochen ist er täglich im Virchow-Klinikum zum Känguruhen: „Sie liegen da auf meinem Bauch wie kleine Frösche“, sagt er. „Dabei entsteht eine große Nähe. Man kriegt ein starkes Gefühl dafür, dass es doch richtige kleine Erdenbürger sind. Und viel stabiler, als man im ersten Moment befürchtet hat.“ Am Anfang wirkten die Frühchen aus der Ferne so zerbrechlich, dass er sich kaum traute, sie anzufassen. Das ist jetzt ganz anders: „Man gewinnt dadurch Sicherheit um Umgang mit den Babys. Meistens schlafen sie dabei, aber man spürt jede ihrer Regungen.“ Dabei beobachtet er ihren Gesichtsausdruck im Handspiegel. „Es ist schön, sich hinzulegen und sich wirklich voll auf die ganz neue Situation zu konzentrieren, in der wir da durch die Frühgeburt so plötzlich gelandet sind. “ Seine Kinder entwickeln sich sehr gut – und er hat das Gefühl, dass das auch am Känguruhen liegt.

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