Gesundheit : „Licht wird fallen auf den Ursprung des Menschen“

Soziale Utopie, Züchtung und das Bild von uns selbst: Wie Darwins Gedanke die Welt veränderte

Ernst Peter Fischer

Als Charles Darwin seine Ideen über den Ursprung und die Anpassung der Arten zum ersten Mal 1859 in Buchform vorlegte, gab er auf vielen hundert Seiten nur in einem kurzen Satz einen Hinweis auf uns Menschen: „Licht wird fallen auf den Ursprung des Menschen und seine Geschichte“, vermutete der britische Privatgelehrte. Ohne zu ahnen, wie grell seine Zeitgenossen gerade diesen Aspekt beleuchten würden.

Man kann den Eindruck gewinnen, dass die wesentliche Folge von Darwins Idee einer Evolution des Lebens darin bestand, dass sich einige Menschen beleidigt fühlten. Wer wollte schon von Affen abstammen? Man hoffte, dass sich Darwins Vorschlag als falsch herausstellte, überlegte aber schon einmal für alle Fälle, wie man bei seiner Bestätigung dafür sorgen konnte, dass niemand davon erfuhr.

Doch Darwins Ablösung einer statischen Welt, die ein Schöpfer unveränderlich geschaffen hatte, durch ein dynamisches Geschehen, in dem natürliche Mechanismen am Werk waren, konnte nicht in einer Zeit unter Verschluss gehalten werden, die im Gefolge der Industriellen Revolution riesige gesellschaftliche Umwälzungen erfuhr und vorantreiben wollte. Die 1860er Jahre brachten viele demokratisch orientierte Sozialutopisten hervor, die in Darwins Lehre den von der Naturwissenschaft gelieferten Beweis für den kommenden sozialen Fortschritt sahen. Die deutsche Arbeiterbewegung – personifiziert durch August Bebel – nahm den Gedanken der Evolution äußerst positiv auf, und Karl Marx sah in ihm die wissenschaftliche Bestätigung für die Unausweichlichkeit des Klassenkampfes (mit vorhersagbaren Siegern). Darwins Theorie liefert „die naturhistorische Grundlage für unsere Ansicht“, wie Marx bereits am 19. Dezember 1860 an Friedrich Engels schrieb.

Es gab aber auch Menschen, denen bei dem Konzept der Evolution angst und bange wurde. Der Gedanke erlaubte nämlich einen neuen Blick auf die sozialen Errungenschaften. Und der zeigte, dass die Menschen sich damit von ihren natürlichen Wurzeln entfernten.

Der Mechanismus der Selektion, der uns Darwin zufolge erst an die Welt angepasst und somit lebenstüchtig gemacht hatte, funktionierte in unseren Reihen doch schon lange nicht mehr. Zum einen wurde das Überleben der Tüchtigen durch ein Mitschleppen der Untüchtigen – sprich: der Kranken und Behinderten – verwässert, und zum zweiten zeugten die tüchtigen Menschen der höheren Stände – sprich: die Adligen und die Intellektuellen – weniger Nachwuchs als die niederen Stände.

Statt nun auf die Idee zu kommen, dass es deshalb vielleicht mit der Tüchtigkeit der angeblich Tüchtigen gar nicht so weit her ist, fingen einige Eiferer ohne Kenntnis von Erbgesetzen an, die genetische Verarmung zivilisierter Nationen zu beschwören und nach eugenischen Maßnahmen zu rufen. Darwins Gedanke verwandelte in dieser missverstandenen Form sinnvolle Sozialpolitik in brutale Biopolitik. Sie fand ihre schlimmsten Auswüchse im „Dritten Reich“, als die nationalsozialistischen Machthaber ihr Recht des Stärkeren mit tödlichen Folgen praktizierten, unter denen Millionen Opfer zu leiden hatten.

Dass Darwins Gedanke nicht lange brauchte, um in der uns vertrauten Lebenssphäre anzukommen, kann deshalb nicht verwundern, weil er dort herkommt. Nachdem Darwin sich zu der Vorstellung durchgerungen hatte, dass sich Arten wandeln können, grübelte er über einen Mechanismus nach, wie die Natur dies bewerkstelligen könnte. Aus seinen Tagebüchern wissen wir, wann und wodurch ihm die entscheidende Idee gekommen ist:

„Im Oktober 1838 las ich zufällig zur Unterhaltung Malthus, über Bevölkerung, und da ich hinreichend darauf vorbereitet war, den überall stattfindenden Kampf ums Dasein zu würdigen, kam mir sofort der Gedanke, dass unter solchen Umständen günstige Abänderungen dazu neigen, erhalten zu werden, und ungünstige, zerstört zu werden. Das Resultat hiervon würde die Bildung neuer Arten sein. Hier hatte ich nun endlich eine Theorie, mit welcher ich arbeiten konnte.“

Der erwähnte Thomas Malthus hatte sich 1798 als Ökonom Gedanken über die Entwicklung der Bevölkerung gemacht und prognostiziert, dass die Zahl der Menschen rascher wächst als die Produktion der Nahrungsmittel, die zu ihrer Versorgung benötigt werden. Wir erwähnen diese Ausgangslage an dieser Stelle vor allem deshalb, weil die nachhaltigsten Folgen von Darwins Durchbruch darin bestanden, die von Malthus befürchtete Katastrophe zu verhindern. Wer knappe Formulierungen liebt, könnte sagen: Ohne Malthus zwar kein Darwin. Mit Darwin aber kein Malthus. Mit der Idee der Evolution konnte man im Bereich der Landwirtschaft die Methode der Züchtung auf eine bessere wissenschaftliche Grundlage stellen. Mit der Folge, dass die verbesserten Ernteerträge alle malthusianischen Befürchtungen ad absurdum führten. Wie in unseren Breiten niemandem erzählt werden muss, in denen mehr von Übergewicht und Überproduktion von Lebensmitteln die Rede ist.

Unter diesem Aspekt ist es kein Wunder, dass naturwissenschaftlich orientierte und also fortschrittsgläubige Menschen das Erscheinen von Darwins Werk begrüßten. Es wird oft erzählt, dass dieser jubelnden Haltung die Abwehr der Kirche und ihrer Gläubigen gegenüberstand. Das stimmt nicht ganz, da zumindest in England der Darwinismus und der Anglikanismus gut miteinander auskamen. Wenn sich die öffentliche Debatte auch mehr auf den Streit konzentrierte, den der Bischof Samuel Wilberforce unnötig vom Zaun gebrochen hatte, als er einen Anhänger Darwins provozierend fragte, ob er väterlicher- oder mütterlicherseits vom Affen abstamme.

Natürlich lässt sich mit rhetorischen Raffinessen dieser Art viel Applaus ernten. Sie klären aber nicht, wie denn die Menschwerdung gelungen ist, wenn wir dafür keinen Schöpfer heranziehen wollen. Und diese Frage bleibt uns nach wie vor aufgetragen, wobei jeder, der zu ihrer Antwort beitragen will, darlegen muss, was für ihn der Mensch ist. Wer dabei als Biologe versucht, uns vom Affen her zu definieren, wird rasch finden, dass man dazu sehr vielen Details sehr viel Aufmerksamkeit schenken muss: der Behaarung, der Gesichtsform, der Gehirngröße, der Sprachfähigkeit, der Gangart und vielen Qualitäten mehr, die sicher nicht alle in einem einzigen Akt entstehen konnten.

Wer nach dem Menschen fragt, begibt sich auf ein seit Jahrtausenden beackertes philosophisches Terrain, und da macht sich jeder lächerlich, der kurze Antworten geben will. Hier ist kein Feld für Schlagworte, sondern für Anstrengungen. Die Biologen versuchen, der natürlichen Auswahl, über die uns die Umwelt formt, eine sexuelle Selektion an die Seite zu stellen, bei der Geschlechtspartner die Wahl haben und also wir selbst unseren evolutionären Werdegang beeinflussen – hin zu mehr Menschlichkeit.

Es hat keinen Sinn, einen intelligenten Designer herbeizurufen, denn jeder Evolutionsbiologe kann diesem Wunschwesen sofort Designschnitzer nachweisen. Konrad Lorenz zufolge würde ein Student der Ingenieurwissenschaften, der den Bauplan des Menschen als Diplomarbeit vorlegt, hochkantig durchfallen. Unabhängig davon lohnt es sich, die Frage nach dem, was der Mensch sein kann, im wissenschaftlich abgesteckten Rahmen der Evolution immer wieder neu zu stellen. Die wesentliche Folge von Darwins Idee besteht darin, dass wir mit ihrem Licht mehr sehen als vorher. Wir wissen nur nicht, ob uns immer gefällt, was sich da zeigt.

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