Klimawandel in der Arktis : Den Eisbären wird es zu warm

Ein Video eines abgemagerten Tiers heizt die Diskussion um die Folgen des Klimawandels an. Forscher befürchten rapide Rückgänge der Eisbär-Population.

Eine Eisbärenmutter marschiert mit ihren beiden Jungen auf Futtersuche über Eisschollen im Gebiet der Nordwest-Passage in Kanada.
Eine Eisbärenmutter marschiert mit ihren beiden Jungen auf Futtersuche über Eisschollen im Gebiet der Nordwest-Passage in Kanada.Foto: DPA

Der Eisbär schleppt sich durch eine karge, kalte Landschaft. Seine Bewegungen sind langsam und unsicher. Sein Fell ist schmutzig, es hängt an seinem abgehungerten Körper herab. In einer Mülltonne sucht das noch junge Männchen nach Futter, es hat weißen Schaum vor dem Mund. Immer wieder bricht das Tier zusammen. Einige Stunden, vielleicht auch wenige Tage hat der Eisbär noch, dann wird er sterben.

Die Szene ist schon ein paar Monate alt. Der Bär durchstreifte damals ein verlassenes Inuit-Camp an der Küste der Baffininsel, der größten Insel des Kanadisch-Arktischen Archipels, südwestlich von Grönland. Paul Nicklen, kanadischer Fotograf und Mitbegründer der Umweltorganisation Sea Legacy, hat das Drama gemeinsam mit einem Expeditionsteam beobachtet und gefilmt. Das Video, das Nicklen Anfang Dezember im sozialen Netzwerk Instagram postete, wurde bis Dienstagmittag fast 1,5 Millionen mal angeschaut. Auf anderen sozialen Kanälen wurde das Video weltweit geteilt. Die Kommentare unter dem Video zeugen von Betroffenheit und Mitleid.

"So sieht Hunger aus"

„So sieht Hunger aus“, schreibt Nicklen zu dem Video. Er wolle mit dem Bildmaterial auf die Folgen der Erderwärmung aufmerksam machen: „Wenn sich die Erde weiter erhitzt, werden alle Eisbären und das gesamte Ökosystem am Nordpol verschwinden.“

Die Arktis erwärmt sich im Durchschnitt je nach Messung doppelt bis dreimal so schnell wie der Rest der Erde. Mit fatalen Folgen. Laut Angaben des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Bremerhaven schmolz die Fläche des arktischen Meereises bis September auf eine Größe von etwa 4,7 Millionen Quadratkilometern ab. Trotz eines kühlen Sommers stellt dies die zweitkleinste Fläche seit Beginn der Satellitenmessungen dar.

Schmilzt das Eis, verkürzt sich die Jagdzeit der Eisbären

Eisbären sind direkt von der Meereisschmelze betroffen. Normalerweise trotten die Bären gemächlich über das Packeis auf dem Nordpolarmeer und jagen Robben, die zum Atmen an die Oberfläche kommen. Schmilzt das Eis auf dem Meer immer früher, haben die Bären weniger Zeit zur Robbenjagd. Auf dem Land, auf das der Eisbär im Sommer ausweichen muss, ist der größte aller Bären weitgehend chancenlos.

Ein Tempo von mehr als 30 Stundenkilometern halten Eisbären nur auf der Kurzstrecke durch, auf längeren Distanzen droht ihnen Überhitzung. Rentiere laufen ihnen locker davon, so dass sich ein bis zu 800 Kilogramm wiegender Eisbär daher bei seinen Landgängen mit Wühlmäusen und Vögeln begnügen muss, die ihn kaum satt machen. Experten vermuten, dass es auch der rapiden Eisschmelze geschuldet ist, dass sich die scheuen Eisbären immer häufiger in die Nähe von Siedlungen wagen.

War der Eisbär krank?

Für den konkreten Fall des hungernden Eisbären hält Jörns Fickel vom Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin allerdings andere Gründe für realistischer. „Wenn es sich um ein Einzeltier handelt, halte ich eine Erkrankung oder Verletzung für wahrscheinlicher“, sagt Fickel. So könnten die Folgen eines Kampfes dazu führen, dass die Jagdfähigkeit von Eisbären eingeschränkt werde. Auch ein Befall mit Darmparasiten sei als Ursache für die Schwäche denkbar.

Eisbären werden von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als gefährdete Art eingestuft. Forscher des IUCN gehen derzeit von einer Eisbärpopulation von 20.000 bis 25.000 Tieren aus – etwas mehr als in der Vergangenheit, als die Jagd auf Eisbären noch nicht reglementiert war. Ist das nur eine Momentaufnahme? „Unsere beste Schätzung besagt, dass die Zahl der Eisbären bis zum Jahr 2050 um zwei Drittel gesunken sein wird“, sagte der kanadische Forscher Andrew Derocher von der University of Alberta der „Süddeutschen Zeitung“.

Für die Eisbären, schreibt der Fotograf Nicklen, gibt es trotzdem Hoffnung. Die liege ausgerechnet bei den Menschen. „Wir müssen unseren CO2 Fußabdruck verringern, das Richtige essen, aufhören, unsere Wälder abzuholzen, und anfangen, die Erde – unsere Heimat – an erste Stelle zu stellen.“ (mit dpa)

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