Lidl-Erpressung : "Ein fast perfektes Verbrechen"

Das Landgericht Heilbronn hat einen Erpresser der Lebensmittelkette Lidl zu vier Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt. Er mischte Salzsäure in Mundwasser und wollte Wein mit Botox vergiften.

Heilbronn - Der 40-Jährige aus Hamburg wurde für schuldig befunden, das Unternehmen mittels Drohbriefen um 1,2 Millionen Euro erpresst zu haben. Dabei hatte er mit der Vergiftung von Lebensmitteln in Lidl-Filialen in Hamburg und Berlin gedroht.

In Hamburger Filialen platzierte er mit Salzsäure versetztes Mundwasser, um seine Forderung zu untermauern. Das "fast perfekte Verbrechen" sei dennoch aufgedeckt worden, sagte Richter Jörg Geiger. Der kokain- und spielsüchtige Angeklagte hatte die Tat vor Gericht gestanden und dabei Geldprobleme als Motiv angegeben. Ein detailliertes "Rezept" für die Erpressung eines Unternehmens hatte er von einem Mitgefangenen im Gefängnis erhalten, als er wegen eines inzwischen eingestellten Drogenverfahrens in Untersuchungshaft saß. Dieser Mithäftling hatte vor wenigen Jahren selbst Lidl erpresst und sitzt deshalb bis heute hinter Gittern. Wegen des jetzigen Falls läuft gegen ihn ein Verfahren wegen Anstiftung.

Nach seinem Geständnis hatte der Hamburger Anfang 2006 in einem ersten Erpressungsschreiben Lidl mitgeteilt, verunreinigtes Mundwasser in Regale gestellt zu haben. Das Unternehmen zog die Ware, von der nur eine "abstrakte Gesundheitsgefahr" ausgegangen sein soll, aus dem Verkehr, wurde aber nicht weiter aktiv. Erst als der 40-Jährige in einem zweiten Schreiben damit drohte, Babynahrung und Marmelade zu vergiften, ging die Firma auf die Forderungen ein.

"Ich wollte nie jemandem schaden"

Das Unternehmen richtete dem Gericht zufolge ein Konto ein, füllte dieses mit den geforderten 1,2 Millionen Euro und übermittelte dem Erpresser per Zeitungsanzeigen die Zugriffsdaten. Dieser stellte dann mit Hilfe eines Computerprogramms Kreditkarten her, mit denen er unter anderem in Dänemark und Paris Geld von dem Konto abhob. Weil die Beträge limitiert waren, drohte er in einem dritten Brief, Wein mit dem Nervengift Botox zu vergiften - wenn nicht die gesamte Summe freigeschaltet werde.

Weil Lidl die Polizei einschaltete, konnte der Erpresser im Juni 2006 gefasst werden. Bis dahin hatte er rund 20.000 Euro von dem Konto abgebucht. Abgesehen von dem Mundwasser wurden keine anderen manipulierten Produkte in Lidl-Filialen gefunden. Der Angeklagte hatte in seinem Geständnis angegeben, er habe nie vorgehabt, Lebensmittel zu vergiften und Menschen zu schaden.

Abschreckung für Nachahmungstäter

Der 40-Jährige ist einem Gutachter zufolge manisch-depressiv. Die Richter gingen deshalb von einer eingeschränkten Steuerungsfähigkeit aus, was sich strafmildernd auswirkte. Der Vorsitzende Richter sagte, die Strafe müsse dennoch deutlich ausfallen, um Nachahmungstäter abzuschrecken. Mit dem Urteil blieb das Gericht geringfügig unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die eine fünfjährige Freiheitsstrafe gefordert hatte. Die Verteidigung hatte vier Jahre Haft befürwortet. Das Urteil wurde sofort rechtskräftig. Die Lidl-Gruppe hat ihren Konzernsitz in Neckarsulm, weshalb das Heilbronner Landgericht für den Fall zuständig war. (Von Tanja Wolter, ddp)

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