Berlin Fashion Week : Auf sauberen Sohlen

In der Welt der nachhaltigen Turnschuhe tut sich einiges. Auf der FashionSustain-Konferenz wurde über Nachhaltigkeitstechnologien diskutiert. Ergebnis: Wir sind auf dem richtigen Weg, sollten aber einen Schritt zulegen.

Ingolf Patz
Auf Wanderschaft. Die Turnschuhe der französischen Marke Veja sollen bis 2020 fast komplett aus nachhaltigen Materialien bestehen. Wie schwierig das ist, erzählte Gründer Sébastien Kopp auf der grünen Messe im Greenshowroom.
Auf Wanderschaft. Die Turnschuhe der französischen Marke Veja sollen bis 2020 fast komplett aus nachhaltigen Materialien...Foto: Promo

„Versprechen binden nur jene, die an sie glauben.“ Der Pariser Schuhproduzent Sébastien Kopp ärgert sich. Am Tag zuvor wurde er gedrängt, vor Publikum zu verraten, dass er im Januar 2019 ein neues Material für seine nachhaltig produzierten und fair gehandelten Sneaker der Marke Veja präsentieren wird. Das geht für ihn eigentlich gar nicht, denn in seiner Welt bedeuten Versprechen oft genug Greenwashing. Etwa wie: „Bis 2020 wollen wir auf 90 Prozent nachhaltige Materialien umgestellt haben.“ Keiner kann heute mit Sicherheit sagen, ob das tatsächlich so umgesetzt werden wird. Seine Ansprüche an sich sind hoch. Doch die neuesten Entwicklungen im Bereich nachhaltiger Mode zu präsentieren ist nun einmal das Versprechen der FashionSustain Konferenz. Die fand zum Beginn der diesjährigen Fashion Week auf der grünen Modemesse Greenshowroom im Kraftwerk in Mitte statt, und beschäftigt sich mit Innovationen im Schuhbereich.

Eigentlich erwartete das Fachpublikum nicht weniger als das Versprechen, dass unsere Welt gerettet werden kann – auch und gerade vor der Stoff- und Lederindustrie. Düngen, Gerben und Färben machen sie neben der Ölindustrie zu einer der dreckigsten Industrien.

Carolina Àlvarez berichtete über die Arbeit von Ecoalf, die aus „Plastikbeifang“ spanischer Fischer Turnschuhe machen. Dass diese aus nur zwei Komponenten bestehen, erleichtert ein späteres Recycling immens. Patrick Mainguené vom französischen Label Ector folgt dem gleichen Prinzip bei seinen Sneakern aus PET-Flaschen-Garn. Er kooperiert mit einem kleinen Produzenten, der seit über 100 Jahren medizinische Textilien herstellt. Die Kooperation von Hightech und Tradition ist ein Merkmal der Szene.

Zur Eröffnung der Konferenz hatte Bandana Tewari, Chefredakteurin der Vogue India, dies als Zukunftsmodell propagiert, gerade für ihr Land mit seiner dörflichen Produktion und den unendlichen Ressourcen an IT- Spezialisten. Andere sahen die Zukunft eher in vollautomatisierten Produktionsstätten, die die Produktion wieder nach Deutschland zurückholen. Oder, wie Anna Hantelmann von FormLabs, im 3D-Druck, der nicht nur abfallfrei produziert, sondern zum Beispiel durch den einzigartigen Komfort einer Maß-Innensohle für eine längere Nutzungsdauer sorgen könnte.

Anne-Christine Bansleben von Deepmello berichtet über ihre chromfreien, schadstoffarmen Gerbungen mit dem nachwachsenden Rohstoff Rhabarber und Desmond Ko von Litehide aus Hong Kong darüber, wie er Häute salzfrei trocknet und durch Wässerung an den Produktionsstätten „wiederbelebt“, wo sie normal weiterverarbeitet werden. Der CO2-Footprint wird beim Transport durch das niedrigere Gewicht und Volumen extrem verringert.

Dazwischen traten unglaubliche Handwerker wie Schumacher Sebastian Thies von Nat-2 auf, der Schuhe aus Pilzen, Popcorn oder sogar aus Stein fertigt.

Trotz der tollen Ideen und des mitreißenden Engagements, stellte sich auf der FashionSustain das ernüchternde Gefühl ein, dass es angesichts des Drucks der digitalen Vermarktungstechnologien, in Zeiten von Fast Fashion und beim aktuellen Stand der Umweltverschmutzung zu langsam vorangeht.

Für kleinere Hersteller ist die Überprüfung ihrer Lieferkette oft schlichtweg nicht zu leisten, Öko- und Fairtrade-Zertifizierungen sprengen immer öfter das Budget. Kommt es doch allein auf den Willen zur Veränderung der Großen an, das globale Schuh-Geschäft umzugestalten? Sébastien Kopp sieht dabei, wie er es auf der Wirtschaftsschule gelernt hat, die Konsumenten in der Pflicht. Und es scheint gerade, als wären die Konsumenten so bereit wie nie. Doch um die Macht ihrer Kaufentscheidungen auszuspielen, brauchen sie mehr Informationen und Vergleichsmöglichkeiten. Initiativen wie die Plattform WikiRate wollen künftig helfen, dass ihnen mehr Daten zur Verfügung stehen und für einen leichteren Vergleich aufbereitet werden.

So erscheint es folgerichtig, dass es Sébastien Kopp noch wichtiger ist, über Transparenz als über Nachhaltigkeit zu sprechen. Kein Wunder, dass Kopp und sein Geschäftspartner François-Ghislain Morillon ihr Label 2005 Veja, also, „Sieh hin“ auf Portugiesisch, genannt haben. Auf ihrer Webseite sprechen Sie ganz offen über die vielen Dinge, die sie besser machen als andere – aber genauso ehrlich über die derzeitigen Grenzen bei der nachhaltigen Produktion. Ihre Standards können hoch sein, da sie ihre Rohstoffe, Bio-Baumwolle und Gummi, selber anbauen und nahe den Bauern weiterverarbeiten.

Veja scheitert mit seinem Anspruch ausgerechnet an den Ösen, deren Vorgeschichte sich nicht lückenlos nachverfolgen lässt und den Schnürsenkeln, die aufgrund zu geringer Abnahmemengen nicht zu einem vernünftigen Preis in Bioqualität zu haben sind.

Die viel kleinere Firma Ethletic aus Lübeck hat erstaunlicherweise die gleichen Probleme. Sie produzieren eine faire Variante der Stoffturnschuhe von Converse. Dennoch, aufgrund der gestalterischen Nähe zum Original lässt sich an den Schuhen von Ethletic unmissverständlich ablesen: Ein gleichwertiger, fair und umweltverträglich produzierter Sneaker muss nicht teurer oder schlechter sein als der konventionelle Klassiker. Dass das möglich ist, trotzdem Ethletic und Veja noch einmal 10 bis 15 Prozent auf Mindestlöhne drauflegen, liegt daran, dass sie keinerlei Werbung finanzieren. Bei den Global Playern wie Nike belaufen sich die Werbekosten sonst auf bis zu 70 Prozent der gesamten Investitionen. Sébastien Kopp steckt das lieber in seine Produktion und mahnt, den Turnschuh nicht zu einem Fetisch zu stilisieren. Keiner brauche ständig das neueste Modell. Bei seinen zeitlos schönen Entwürfen ist das eigentlich auch kein Problem.

Ob er auch mal andere Schuhe als seine eigenen trage? Ja, zu Hochzeiten, sagt Sébastien Kopp, oder wenn er durch den brasilianischen Dschungel zu „seinen“ Bauern laufe. Dann braucht er gute Outdoor-Stiefel. Vielleicht müsse er dafür aber bald nicht mehr fremdgehen, grinst Sébastien Kopp, lehnt sich zurück und schweigt.

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