Herrenmode : Sitzt, passt und ist bezahlbar, der Anzug von Sal

Maßschneider Martin Purwin hat einen industriell gefertigten Anzug entwickelt, der mit einfachen Details zum individuellen Stück wird.

Lässig abhängen, der Anzug von Sal.
Lässig abhängen, der Anzug von Sal.Foto: promo

Weiter voneinander entfernt könnten die beiden Anzüge kaum sein, die bei Martin Purwin im Maßschneideratelier Radczun & Purwin am Tempelhofer Ufer hängen. Der eine wartet auf die erste Anprobe. Steif sieht er aus, mit losen Kanten und weißen, langen Fäden übersät, die das Innenleben aus Rosshaar und Leinen provisorisch mit dem Oberstoff verbinden.

Im Nebenraum liegt auf einem Mahagonitisch ein dunkelblaues Jackett, fix und fertig. Es gehört zu Purwins neuer Konfektionslinie Sal. Nur ein Detail hat es auf den ersten Blick mit einem maßgeschneiderten Modell gemein: das handgestickte Knopfloch am Revers.

Martin Purwin hat sich vorgenommen, Maßschneiderei und Konfektion zusammenzubringen. Aber es ist ein Spagat zwischen Handwerk und Industrie. Für den ersten Anzug braucht ein Maßschneider 80 Arbeitsstunden, der zweite ist in einer Fabrik nach anderthalb Stunden fertig. Dafür wird jeder einzelne Arbeitsschritt von einer anderen Arbeiterin an modernen Maschinen ausgeführt.

In der Maßkonfektion ist die Konkurrenz zu groß

Ein Maßanzug von Purwin & Radczun für 5000 Euro ist ein elitäres Kleidungsstück, aber Purwin ist zu sehr Kaufmann, um nicht auch einer breiteren Käuferschicht ein Angebot zu machen. Zuerst dachte er an Maßkonfektion. Da kam er zwar bei im Verhältnis schlanken 1500 Euro raus, aber in diesem Bereich ist die Konkurrenz einfach zu groß. Also schaute er sich den Markt noch mal genau an. Ein Premium-Anzug von Zegna kostet zwischen 500 bis 700 Euro, einer von Boss um die 400 und der günstigste von H&M 160 Euro, so kam er auf einen Durchschnittspreis von 280 Euro. 299 Euro, so viel sollte sein Anzug ohne Änderungen kosten. Aber er sollte ein bisschen mehr können als die normale Konfektionsware.

Ein Blick ins Atelier von Purwin & Radczun.
Ein Blick ins Atelier von Purwin & Radczun.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Es brauchte sieben Prototypen und viele Angebote an Fabriken und Stoffhersteller, bis der Sal-Anzug mit der richtigen Passform stand: robuste Wollstoffe aus England von Alfred Brown, Fertigung in einer hochmodernen Fabrik in Europa. Und weil er es so beeindruckend findet, wie dort in zwei Minuten eine Taschenpatte genäht wird, zeigt Purwin gleich einen Film, den er mit seinem Handy aufgenommen hat.

Den Schnitt findet er, passend zum mit 320 Gramm recht schweren Wollstoff, eher britisch-deutsch als italienisch. „Für die Italiener wäre es ein Anzug für den tiefsten Winter.“ Das Revers endet ein wenig tiefer unterhalb der Schulter als gewöhnlich und ist ein wenig breiter. Die Jacke hat eine Brusttasche, Pattentaschen und Seitenschlitze. An der Hose sind seitlich Laschen angebracht, mit denen man die Weite justieren kann, ein Gürtel wird damit überflüssig.

Für einen Herrenschneider ist es Kür, Frauen glücklich zu machen

Aber das ist nicht alles: Wer bei Purwin kauft, bekommt den Anzug als eine Art Baukasten. Die Hosenlänge steckt er ab, die Nahtzugaben sind so großzügig bemessen, dass die Taille bei Bedarf eine Nummer größer gemacht werden kann, die Seitenschlitze kann man schließen lassen, die Ärmelknopflöcher öffnen oder entfernen. Bei der Hose empfiehlt Purwin einen Aufschlag am Saum von fünf Zentimetern: „Das ist ein schöner Übergang zu den Schuhen.“ Die Änderungen kosten extra, liegen aber nicht über 50 Euro. Am Ende hat man einen Anzug, der passt und auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmt ist.

Jetzt gibt es ihn erst einmal nur in Dunkelblau und Grau, aber fürs Frühjahr sollen Modelle in einer etwas schwereren Baumwollqualität dazukommen sowie Chinos mit Bundfalte und Hemden in Blau und Weiß für 49 Euro und im nächsten Herbst schließlich Mäntel. Bei der Vorstellung, wie sein Sortiment wächst, bekommt Martin Purwin glänzende Augen. Bald will er sich auch an die Basisgarderobe für Frauen wagen. Aber er gibt zu, für einen Herrenschneider ist es schon die Kür, Frauen mit ganz einfachen Sachen glücklich zu machen.


Die Anzüge von Sal kann man im Bikini am Breitscheidplatz in Charlottenburg bei Andreas Murkudis im 1. Stock bis Weinachten kaufen. Infos: salbasics.com.

Die Maßanzüge werden wie üblich im Atelier von Purwin & Radczun am Tempelhofer Ufer 32 in Kreuzberg nach Terminabsprache angefertigt. Auf einen Anzug muss man rund sechs Wochen warten, dazwischen liegen mehrere Anproben.

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