Interview mit Antje von Dewitz : Die einzig Senkrechte

Mit dem gesunden Menschenverstand zu wirtschaften, ist schwierig – vor allem, wenn man Kleidung herstellt. Doch Antje von Dewitz kann gar nicht anders. Sie machte ihre Firma Vaude zur nachhaltigsten Deutschlands.

Der deutsche Outdoor-Ausrüster Vaude präsentiert seine erste komplett nachhaltige Kollektion.
Hoch hinaus. Der deutsche Outdoor-Ausrüster Vaude präsentiert seine erste komplett nachhaltige Kollektion.Foto: Vaude/ Attenberger

Im Januar stellte der Bergsportausrüster Vaude auf der grünen Messe Ethical Show seine erste komplett nachhaltige Kollektion vor. Neun Jahre zuvor hatte Antje von Dewitz, 45, die 1974 von ihrem Vater gegründete Outdoor-Firma Vaude übernommen. Heute gehört Vaude zu einer der nachhaltigsten Firmen in diesem Bereich weltweit. Dafür wurde Vaude oft ausgezeichnet, unter anderem als nachhaltigste Marke Deutschlands. Allein in der vergangenen Woche gab es auf der Sportfachmesse Ispo in München fünf Auszeichnungen für das Engagement. In ihrem Heimatort Tettnang in Baden-Württemberg betreibt die Firma Vaude ein öffentliches Schwimmbad, das sonst geschlossen worden wäre. Die promovierte Kulturwissenschaftlerin Antje von Dewitz ist verheiratet und hat vier Kinder.

Sie haben im Januar auf der grünen Modemesse Ethical Fashion Show in Berlin ihre neue Ökolinie „Green Shape Core Collection“ vorgestellt. Sie agieren ja schon in allen Bereichen sehr nachhaltig. Wozu braucht es da noch eine extra Ökokollektion?

In den vergangenen Jahren haben wir viel Entwicklungskraft und Innovation in unser Unternehmen gesteckt. Wir wollen, dass die Produkte schadstofffrei sind, dass sie fair hergestellt werden, dass die Produktion möglichst ressourcenschonend abläuft. Das hat alle unsere Aufmerksamkeit und viel finanziellen Aufwand erfordert.

Ändert sich das gerade?

Die immense Grundlagenarbeit und die vielen Qualitätsprüfungen und Zertifizierungen haben dazu geführt, dass die Nachhaltigkeit schon fast innovationshemmend war. Alles, was konventioneller Standard war, wurde von uns geprüft, viele Technologien und Produktionsstätten wurden ausgeschlossen. Mittlerweile wird die Nachhaltigkeit immer stärker zum Innovationstreiber.

Was heißt das genau?

Wir haben uns vieler Herausforderungen angenommen, wie des Problems der Mikroplastikpartikel in den Meeren. Mit unseren Partnern haben wir Fleece entwickelt, das aus komplett biologisch abbaubaren Materialien besteht. Wir haben Materialien aus Milch entwickelt, die für die Lebensmittelproduktion nicht verwendet werden kann und daher auf den Müll käme. Wir wollen auch weg vom Erdöl und entwickeln Kunststoffe, die aus Rizinusöl bestehen.

Ihre neue Kollektion soll für viele Aktivitäten einsetzbar sein. Es geht nicht um höher, schneller, weiter?

Genau, wir haben Kollektionen, die speziell für Skitouren oder Mountainbiken gemacht sind. Die haben auch weiterhin ihre Berechtigung. Aber viele Menschen machen unterschiedliche Sportarten. Für die ist es eine Ermutigung: Kauf nicht nur Produkte für die eine spezielle Sportart.

Die Boomzeit der Outdoor-Unternehmen ist vorbei. Was bedeutet das?

Dass die klassische Outdoor-Industrie in den letzten Jahren nicht so stark gewachsen ist, liegt vor allem daran, dass der Markt stark umkämpft ist. Diesen Markt gibt es erst seit 45 Jahren, in den ersten Jahrzehnten hat er sich unglaublich stark entwickelt. Früher waren die Wachstumsraten zweistellig. Dann sind viele Unternehmen aus der Mode-, Sport- oder Konsumgüterindustrie wie H&M, Adidas oder Tchibo in diese Branche gedrängt. Die Player haben sich vervielfacht.

Was bedeutet das für Vaude?

Wir sind weiter sehr gut gewachsen. Megatrends wie Mobilität, Reisen oder die Sehnsucht nach Spiritualität spiegeln sich in vielen Outdoor-Aktivitäten wider. Aktivitäten wie Wandern oder Skitouren, die früher als etwas verstaubt galten, sind bei jüngeren Zielgruppen wieder total beliebt.

In der Mode gibt es Tendenzen, sich dieser Optik anzugleichen. Zurzeit tauchen auf vielen Laufstegen Funktionsjacken auf. Bekommen Sie das mit?

Seit Jahren ist zu beobachten, dass Mode und Outdoor in gewissen Bereichen verschmelzen und sich jede Branche bei der anderen bedient – die Mode bei der Optik und dem Outdoor-Spirit und wir Outdoor-Marken beim Design und den Trends. Als ich vor 20 Jahren bei Vaude eingestiegen bin, war das anders. Wenn etwas zu modisch war, wurde es gleich verdächtig, denn dann konnte es ja nicht funktionell sein. Jetzt spielt bei vielen Produkten eine Rolle, dass sie auch stadttauglich sind.

Sie bieten ein Leihsystem für Zelte und Zubehör und einen Reparatur-Service an. Ist das für ein Unternehmen, das Produkte verkauft, nicht zwiespältig?

Wir haben die Verantwortung von der Entstehung des Designs über die Produktion bis zum Kunden. Ein Produkt ist gut, wenn es dem Einsatzzweck dient, wenn es ökologisch und fair hergestellt ist und wenn es lange lebt. Die Nutzungsphase entspricht 30 bis 40 Prozent der Klimaemissionen, also dem Fußabdruck eines Produkts. Wenn ich das außer Acht lasse, kann ich mir viel Mühe machen, aber wenn der Kunde das Kleidungstück nach dreimal Tragen wegschmeißt, nutzt es nichts.

Es wird oft betont, wie mutig und anders Sie Ihr Unternehmen leiten. Aber es ist doch eine konsequente unternehmerische Haltung, so wenig Schaden wie möglich zu verursachen?

Meine Kollegen und ich führen die Firma so verantwortlich, wie es der gesunde Menschenverstand eigentlich diktiert. In der bayerischen Verfassung steht: Die wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl. Das finde ich hervorragend. Aber auch in der deutschen steht: Eigentum soll dem Wohle der Allgemeinheit dienen. Da steht ja nicht drin, die Wirtschaft dient dem Profit.

Aber darauf läuft es ja trotzdem oft hinaus.

Ich finde tatsächlich, dass wir ein fehlerhaftes Wirtschaftssystem haben. Da werden falsche Anreize gesetzt. Die wahren Kosten, die durch die Ausbeutung von Natur und Mensch entstehen, spiegeln sich normalerweise weder in Steuern für das Unternehmen noch im Preis für die Konsumenten wider.

Sie scheinen auf dem richtigen Weg zu sein. Heute achten immer mehr Menschen als früher auf das, was sie kaufen.

Das Bewusstsein und der Wunsch, beim Konsumieren auch selbst Verantwortung zu übernehmen, wachsen weltweit – und ebenso die Bereitschaft, etwas mehr dafür zu bezahlen. Was aber gleichzeitig steigt, ist die Verwirrung darüber, was eigentlich gut ist. Die Klagen über die Komplexität, welches Siegel für was steht, das Misstrauen gegenüber der Wirtschaft und dem System generell, steigen parallel. Das macht die Sache schwierig. Aber wenn man als Unternehmen das Vertrauen gewinnt, weil sich nach dem dritten und vierten Hingucken zeigt: Die bemühen sich wirklich – das ist viel wert. Nicht umsonst wachsen wir auch in einer Phase sehr stark, in der andere klassische Outdoor-Unternehmen nicht mehr zulegen.

Wie steht es um die Geflüchteten, die Sie in Ihrer Firma beschäftigen?

Fünf von ihnen haben im letzten Herbst ihren Ablehnungsbescheid erhalten, und bei zwei weiteren warten wir darauf. Die meisten Geflüchteten arbeiten in unserer Manufaktur, wo Arbeitskräfte für die Schweißerei und die Näherei nur sehr schwer zu finden sind. Wenn die Abschiebungen vollzogen werden, bedeutet das für uns hohe Produktionsausfälle und schwierige Nachbesetzungen. Schon jetzt ist es so, dass bei uns 19 Nationalitäten an der Produktion von „Made in Germany“ beteiligt sind.

Sie haben deswegen einen Brief an Frau Merkel geschrieben.

Ich habe von Frau Merkel bisher nichts gehört. Aber jetzt laden wir mit vielen anderen Unternehmen den baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl zum Gespräch ein. Wir haben festgestellt, dass andere Unternehmen mit der gleichen Herausforderung kämpfen wie wir.

Mehr zu Vaude unter: www.vaude.com/de

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