Mode aus Schweden : We Are Family

Das schwedische Männer-Label Our Legacy präsentiert zum ersten Mal eine Kollektion für Frauen. Ab Frühjahr ist sie im neu eröffneten Berliner Laden zu haben.

Ingolf Patz
Winterblues. Der gesteppte Sarong aus der aktuellen Kollektion verhindert Eisbeine.
Winterblues. Der gesteppte Sarong aus der aktuellen Kollektion verhindert Eisbeine.promo

Sie müssen von einem besonderen Schlag sein, die beiden jungen Männer aus der schwedischen Provinz, die gleichzeitig an Hardcore-Musik und Babys denken. Jockum Hallin und Cristopher Nying aus Jönköping suchten 2005 nach einem Namen für das Modelabel, von dem sie träumten. „Our Legacy“ stand schließlich ganz oben auf der Liste.

Klingt wie ein cooler Bandname und beschreibt, was die ehemaligen Schulfreunde vorhatten: Sie wollten das Beste der Männermode aus Großvaters Zeiten ins Hier und Jetzt holen und in einer Qualität re-designen, dass auch noch ihre Kinder und Kindeskinder daran Freude haben können. Mode, die vom konservativen und gleichzeitig entspannten Stil der gut gekleideten Schriftsteller und Künstler der 1950er Jahre inspiriert ist, die Elemente des frühen Armani mit denen von Grunge und Skateboarding vereint.

Doch wie so viele neue Labels begannen die beiden Grafiker zunächst mit selbst bedruckten T-Shirts, die sie aus ihrer Sporttasche heraus direkt an die besten Modeläden Schwedens verkauften (später stieß noch der gemeinsame Freund Richardos Klarén dazu). Und sie hatten schnell Erfolg, die Kollektionen wuchsen stetig. Mit der ersten Präsentation in Paris 2007 war Our Legacy auf dem internationalen Markt angekommen. Heute fühlen sie sich geadelt, wenn man dem Off-White™-„Arrow“- Sneaker von Mode-Superstar Virgil Abloh ansehen kann, dass er Our Legacys Mono Runner offensichtlich sehr schätzt.

Hallin und Nying sind darauf fixiert, ihre Texturen und Farben ungewöhnlich zu kombinieren.

Mitte Oktober 2018 steht Jockum Hallin im neuen Our-Legacy-Laden Tucholsky-/Ecke Linienstraße in Mitte. Gerade ist die Papierabdeckung von den Fenstern genommen worden. Der 38-jährige Schwede sieht etwas müde, aber stolz aus. Sein neues Baby, der zweite internationale Store, hat das Licht der Welt erblickt. Our Legacy kommt von Anfang an ohne Investor aus. Das ermöglicht organisches Wachstum, aber jeweils erst dann einen neuen Laden, wenn er sich aus der eigenen Tasche finanzieren lässt.

„Wir haben uns schon lange in diesen Kiez verliebt, etwas abseits, aber nahe den Kunstgalerien in der Auguststraße. Toll, dass es endlich geklappt hat.“ Das Morgenlicht bringt den luftigen Altbauraum zum Leuchten, einzelne frei stehenden Elemente erzeugen die Atmosphäre einer Kunstgalerie. Und tatsächlich denken Hallin und Nying immer noch sehr grafisch. Sie sind auf Textilien fixiert, nicht so sehr auf extravagante Schnitte, sondern darauf, ihre Texturen und Farben ungewöhnlich zu kombinieren.

Our Legacy - ganz offiziell für Frauen.
Our Legacy - ganz offiziell für Frauen.Foto: promo

Die neuen Stücke scheinen schon immer ein Vorleben gehabt zu haben oder einen eigenen Charakter zu transportieren. Klamotten, die der viel bewunderte große Bruder mit dem ganz speziellen, aber unantastbaren Musikgeschmack tragen würde. Und der hätte natürlich eine Badass-Künstlerfreundin, die die feinste Bluse lässig über ihrer schmutzigen Jeanslatzhose trägt und sich das Beste aus dem Schrank ihres Liebsten nimmt.

Das muss sie aber bald nicht mehr. Ab Januar gibt es die erste Frauenkollektion von Our Legacy. Hundertprozentig sicher fühlten sich die drei Freunde dabei nicht, nach 13 Jahren die Geschlechter aufeinander loszulassen. Die Präsentation der heiß erwarteten Kollektionen inszenierten sie als therapeutisches Gruppengespräch. „Das Setting sollte unsere langen Diskussionen darüber widerspiegeln, wie wir unsere Konzepte weiblich und männlich interpretieren wollten. Aber so, dass man sie auch interessant genderübergreifend mixen kann“. Die extravagantesten Stoffe der „Synthesis“-Kollektion sind Materialien, wie sie für den umweltfreundlichen Gartenbau verwendet werden.

Hallin und Nying haben Frauenmode schon von Beginn an mitgedacht, sagen sie, sichtbar wurde das aber erst um 2012. Da hatte sich Our Legacy mit seiner modernen Männermode etabliert. Klassische Formen, befreit von überflüssigen Details, damit Stoffe wie Merino und Kaschmir voll zur Geltung kommen. Doch schnell fühlten sie sich in eine Schublade gesteckt. Sie wagten einen Befreiungsschlag und mischten ihre Button-Down-Shirts, Wohlfühl-Sweater und Chinos unter einem konzeptionellem Motto mit avantgardistischen Stücken, die sie selbst nicht unbedingt tragen würden. Bei Hallin hängt beispielsweise aus der aktuellen Saison so ein Stück im Schrank: ein Quilt-Sarong, der jede Jacke auf Mantellänge verlängert (Foto unten). Typisch weibliche Stoffe und Formen nahmen stetig zu und weckten Interesse auch bei der weiblichen Kundschaft.

Er träumt davon Mauerblümchendüften neues Leben einzuhauchen

Zurzeit hängt noch die Winter-Kollektion „Circle“ im Laden, die schützende, warme Arbeitskleidung über einer vereinfachten Version von Festtagskleidung kombiniert, eine Feier des Alltags und des Lebens in der Natur. „Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit sind uns wichtig. Wir wollen keinen Massenkonsum anheizen“, sagt Jockum Hallin. „Wir wollen das aber auch nicht so in den Vordergrund stellen.“

Our Legacy hat einen eigenen Weg gefunden. Nach dem Motto „Das ist doch noch gut“ verarbeiten sie in ihren Work-Shop-Ladenateliers Überproduktionen, liegen gebliebene Stoffballen und Referenzstücke zu besonderen Einzelstücken, die es nur dort zu kaufen gibt. So entstehen aus den vergessenen Stücken Ideen für neue Kollektionen. Hallin hofft, auch dafür passende Räume in Berlin zu finden. Und er will dieses Konzept immer weiter treiben. Gerade hat er mit dem schwedischen Parfümlabel Byredo zusammengearbeitet. Nun träumt er davon, Mauerblümchendüften und vergessenen Parfümphiolen neues Leben einzuhauchen. Kreative Nachhaltigkeit, inspiriert von Byredos Duft „11th Hour“, also der letzten Stunde, bevor unsere Zeit abläuft.

Jockum Hallin steht vor dem ersten Kleiderständer im Laden. Unter den Stücken stechen einige mit frech gescribbelten Grafiken heraus. Inhouse Artist Hank Grüner hat sie entworfen. Hank arbeitete viele Jahre in den Our-Legacy-Läden, bevor er Kunst studierte. „Nun ist der verlorene Sohn wieder zurück im Wahlfamilienbetrieb.“ Wieder spricht der Stolz aus Hallin. Sie haben schon viel geschafft. Da wäre es vielleicht gar nicht so schlimm, wenn seine Kinder Papas Klamotten am Ende doch nicht so cool finden sollten.

Our Legacy, Tucholskystr. 45, Mitte, www.ourlegacy.se

0 Kommentare

Neuester Kommentar