Mode bei Manufactum : Für die Tonne: Kleidung, die kompostierbar ist

Manufactum verkauft jetzt Bekleidung, die fast gänzlich kompostierbar ist. Mit Mode, die am Ende der Saison verramscht wird, hat das Haus keine guten Erfahrungen gemacht.

Jacke wie Weste. Ida Urmas und Ricardo Garay (Bild Mitte des Textes) haben nicht nur die Produkte (beide kosten knapp 400 Euro) entworfen, sie modeln auch gleich noch für Manufactum. Das ist so schön authentisch.
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Manufactum und Mode, das ist eine verzwickte Sache. Richtig passt es nicht zur Philosophie des Edelkaufhauses, seine Kunden ständig mit neuer Ware zu locken und zu überraschen. Im Gegenteil, erfolgreich ist Manufactum gerade deshalb, weil der Kundige genau weiß, was ihn erwartet: Die Geflügelschere mit geschmiedeten Blättern, der Besenstil mit Gewinde aus deutschem Eschenholz oder das Kehrblech aus Edelstahl mit Gummilippe – all diese Produkte gibt es unverändert seit der Gründung des Unternehmens im Jahr 1987.

Bei Manufactum hat alles seinen Platz, zum Beispiel im Geschäft in der Hardenbergstraße in Charlottenburg. Die meisten Waren sind alte Bekannte, an die man sich genau dann erinnert, wenn man sie gebrauchen kann. Der Manufactum-Katalog ist die Bibel des Unternehmens, mit ausführlichen Produktbeschreibungen, die sich nicht mit Material und Preisangaben begnügen, sondern ausführlich Herkunft und Herstellungsweise beschreiben. Zum Mythos dieses Horts der Verlässlichkeit haben auch die stürmischen Zeiten im Einzelhandel außenherum beigetragen. Das Versandunternehmen Otto, seit 2010 Eigentümer von Manufactum, will seinen Otto-Katalog jetzt endgültig einstellen. Die Manufactum-Bibel steht nicht zur Diskussion, zu wichtig sind all die Informationen über Heckenscheren, handgekochte Seifen und geschmiedete Lampen.

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Nachhaltige Mode, die dem Gesetz der Saisons gehorcht

Deshalb ist es kein Wunder, dass Einkaufschefin Angele Zettner nicht leichtfertig neue Waren ins Sortiment aufnimmt. Auch in der Abteilung für Bekleidung überwiegen die Klassiker. Es gibt die gestreiften bretonischen Matrosenhemden von Amorlux, irische Strickpullover von Inis Méan und klassische marineblaue Kabanjacken mit Metallknöpfen.

In der Modeabteilung haben sie vor ein paar Jahren dennoch ein Experiment gewagt: Nachhaltige Mode, die dem Gesetz der Saisons gehorcht, und auf die der berühmteste Bibelspruch des Hauses: „Es gibt sie noch, die guten Dinge“ nicht wirklich zutrifft. Im Gegenteil, er wird mit Bekleidung eigentlich sogar karikiert.

Mit einer schon fast pompösen Präsentation im Berliner Geschäft wurde 2015 ein neues Konzept vorgestellt: Nachhaltige Mode, bevorzugt aus Deutschland. Aber die Ware mochte noch so ökologisch wertvoll sein, eine Saison dauert nur ein paar Monate. Und wenn überall reduziert wird, kann sich auch Manufactum dem nicht gänzlich entziehen. Der Versuch wurde schnell wieder eingestellt.

Aber auch wenn der Laden an der Hardenbergstraße sich wie ein Hort des besseren Lebens präsentiert, ist er doch keine einsame Insel. Deshalb dachte man im westfälischen Hauptquartier in Waltrop weiter. Heraus kam ein Projekt mit dem Masterstudiengang „Sustainability in Fashion“. Die Studierenden sollten Produkte nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip entwerfen, das für den Kreislauf vom Rohstoff über das Produkt zur vollständigen Wiederverwertung steht. Zwei Entwürfe schafften es zur Marktreife: die Herrenjacke „Modern Gentleman“ von Ricardo Garay und die Damenweste „Wanderlust“ von Ida Urmas.

Beide Produkte sind kompostierbar, ökologisch einwandfrei und multifunktional. Die Entwicklung dauerte Jahre, denn wer sich dem Cradle-to-Cradle-Prinzip unterwirft, hat eine Menge Arbeit vor sich. Vor dem Entwerfen steht die Suche nach den richtigen Materialien.

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Der Entwurf von Ricardo Garay sieht aus wie eine schwedische Motorradjacke mit diagonaler Knopfleiste, die man ganz unterschiedlich knöpfen kann – mal seitlich mit Schlaufen, mal mittig, so dass die vorderen Kanten wie ein Revers zu den Seiten fallen. Der Amerikaner, der fürs Studium nach Berlin kam, hat viele Selbstversuche gemacht. Seine eigene Jacke hat er mit Olivenöl und Bienenwachs eingeschmiert, ist damit bei Regen Motorrad gefahren. Speckig sieht sie aus, wie altes Butterbrotpapier „Die riecht lecker, oder?“, sagt er. Garay ist kein typischer Modedesigner: „Ich bin Landwirt und Designer.“ In Kalifornien studierte er nachhaltige Landwirtschaft. Für ihn ist Mode eine Erweiterung davon, „weil die Materialien, die wir benutzen, irgendwann mal angebaut wurden“.

"Mode ist ein Transmitter, um ein gutes Leben für alle zu schaffen"

Deshalb ist seine Jacke auch voller praktischer Elemente. Er hat sich zum Beispiel eines klassischen Mutterproblems angenommen, dem der freiliegenden Nieren beim Nachwuchs. Zum Motorrad- oder Fahrradfahren hat die Jacke ein ausklappbares Rückenteil.

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Friederike von Wedel-Parlow, die das Projekt als Professorin begleitete, sieht Manufactum auf dem richtigen Weg. „Es geht nicht mehr nur ums Wohlfühlen. Mode ist ein Transmitter, um ein gutes Leben für alle zu schaffen“, sagt die Beraterin für nachhaltige Mode. Das geht aber nur, wenn die Modeindustrie nicht mehr so dreckig ist: „20.000 Chemikalien werden dort verwendet, 60 Prozent sind schlecht, der Rest ist in Ordnung. Nur die dürften da sein, dann könnte man das Wasser aus der Verarbeitung direkt auf die Felder lassen.“

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