Die Wüste lebt

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Tunesien : Im Rhythmus der Hexe
Der Guide Mohammed kennt die Geheimnisse der faszinierenden Steinlandschaft - und weiß, was eventuell gegen den Kater hilft.
Der Guide Mohammed kennt die Geheimnisse der faszinierenden Steinlandschaft - und weiß, was eventuell gegen den Kater hilft.Foto: Uli Schulte Döinghaus

Der groß angekündigte Schaukampf zweier Dromedarmännchen verkümmert zu einem routinierten Getändel, die Kerle haben keinen Bock auf Zoff. Eine grau geschleierte Mannschaft tritt gegen weiß gewandete Gegner in einer Art Wüstenhockey an, wo es gilt, ein Lappenknäuel mittels eines Hirtenstocks siegreich zu einer Stelle zu knüppeln, die im Sandgestöber nicht auszumachen ist. Macht nichts. Zwei Windhunde werden auf die Jagd nach einem Kaninchen gehetzt, das verzweifelt um sein Leben rennt und dabei Haken um Haken schlägt – vergeblich. Das Publikum – ansonsten sparsamst mit Applaus – rast schier vor Beifall.

Staatliche und zivilgesellschaftliche Repräsentanten – fast durchweg Männer – nehmen in Ehrenlogen Platz und schauen wichtig drein. Der beleibte Regierungsfotograf knipst Honoratioren in Serie. Einige ältere Herren scheinen etwas indigniert zu sein, während sie einem Breakdancer zuschauen, der das Festival in Tozeur mit einer Art Schlangentanz beschließt, in dem sich westliche und arabische Stilelemente verbünden.

Abends, in den geschäftigen Medinas, den Altstädten, finden die Festivals ihre Fortsetzung; auf den Tuch- und Gemüsemärkten wird offensichtlich gut ge- und verkauft, Touristen feilschen an Kram- und Andenkenständen – Tunesien rappelt sich auf, kommt im dritten Jahr nach der Revolution allem Anschein nach wirtschaftlich wieder in Fahrt.

Hier spielt die Musik

Douz, das seinen Namen der Banalität zu verdanken hat, dass hier mal das 12. Regiment („La Douzième“) der französischen Kolonialarmee stationiert war, ist auch für einheimische Urlauber aus dem Norden ein beliebtes Ziel. Wer sich, vielleicht auf den Spuren der eigenen Familie, für eine Auszeit zurückziehen will, landet nicht selten im Wüstencamp Mehari Zafraane, etwa 25 Kilometer von Douz entfernt. Hier wird ein einfaches Essen, wenngleich stilvoll, serviert.

Danach spielen Musiker zum individuell gehopsten Tanzvergnügen auf, bevor sich die Gäste in ihre Zelte zurückziehen und der Kälte unter Schichten von Kamelhaardecken trotzen. Zum Sonnenaufgang klettern sie die Dünen hinauf, trampeln ein wenig die Kälte aus den Knochen, starren dann aber nur noch und verharren, als wollten sie mit dem facettenreichen Gleichmaß der Wüste eins werden. Diese Weite! Sand scheinbar ohne Ende und in einer Formenfülle, die einem Sprache, Hören und Schauen verschlägt! Aber die Wüste, sie lebt – wie grüne Kleckse wirken vereinzelte Büsche, und dort hinten, bevor sich der Horizont aus dem Blickfeld krümmt, ist sogar eine Ansammlung von Palmen zu sehen.

Das Festival von Tozeur ist erst am übernächsten Tag zu Ende. Bis dahin drängen sich manchmal Fahnenträger in Fantasiefarben um die Straßenecken, gefolgt von ernsthaften alten Männern im blendend weißen Burnus, die Köpfe fezbedeckt. Ihr Altmännergang durch die Straßen der Stadt wird rhythmisch getaktet durch Trommler und Schellenschläger; eine schwarz gekleidete Gestalt mit riesiger Spitzhaube fällt mit ihren Klappern in den Rhythmus ein. „La mégère“, raunt einer ehrfürchtig vom Straßenrand, „die Hexe“. Der Rest seines Kommentars geht im Knattern eines Motorrollers unter, auf dem zwei Halbwüchsige die Kurve Richtung Altstadt kratzen.

Engagierte Bewohner erhalten Tradition am Leben

Das historische Viertel von Tozeur könnte als Labyrinth gebaut worden sein, in dem sich Feinde, sollten sie die Stadt erobert haben, erst einmal gehörig verirren. Erst bei gründlicher Anschauung scheint es, als ob die Stadtplaner einem Masterplan gefolgt wären. Gänge, Höfe, Ein- und Durchfahrten gewähren ein Minimum an Sonnen-, Hitze- und Sturmschäden und ein Maximum an Licht, Schatten und Kühle. Dafür sorgt die Bauweise aus gelblich- bis rötlichbraunen Lehmziegeln, die in Tozeur vorherrscht und in Nordafrika sehr selten ist. Das Ziegelwerk spendet Schatten und Kühlung für das Hausinnere.

Es arbeitet, formt sich im Kraftwerk der Natur, krümmt sich hier und biegt sich da. Wohlhabende Bürger haben sich Rauten, Dreiecke oder Kreise an ihre Hausfassaden mauern lassen, manche Konstruktionen sollen sogar die Anfangswörter von Suren darstellen.

In Tozeur gibt es engagierte Bewohner, meist Einzelhändler, Ladeninhaber oder Handwerker, die sich für den Erhalt des ursprünglichen historischen Quartiers einsetzen. Zu ihnen gehört auch die Allroundkünstlerin Suad Khchim, die in ihrer Atelierwohnung töpfert, modelliert, Gewänder fertigt, Gedichte schreibt und Besuchern von traditionssatten Hochzeiten, Festen und Festivals erzählt, die bis heute vor und hinter den Gemäuern von Tozeur gefeiert werden.

Man muss, zumal im krisengeplagten Tunesien, die Feten feiern, wie sie fallen. Gegen eine eventuelle Katerstimmung wird – wie wir nun wissen – ein zerbissenes Kapernblatt helfen, das in der Wüste gezupft und auf die Stirn gepappt wird.

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