200 000 japanische Zedern

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Herbst in Japan : Liebe zum Laub

„In Tokio vergeht der Herbst fast, ohne dass man ihn wahrnimmt. Es wird kälter, und plötzlich ist Winter“, sagt Hitomi, eine Japanerin aus der Großstadt Osaka, die seit Kurzem in Tokio arbeitet. Sie schlürft eine Yubasuppe, ein auf Soja basierendes proteinhaltiges Gericht und eine Spezialität der Region. Hier in Nikko aber sei das Gegenteil der Fall, der Herbst blühe auf. Und dazu sei noch an alles gedacht. „Die Restaurants servieren sogar die Gerichte so, dass sie auf den ersten Blick wie Laub aussehen.“ Hitomi strahlt.

Die Altdamengruppe ist beim großen Toshogu-Schrein angekommen. Es ist die wohl prachtvollste Anlage ihrer Art in ganz Japan. Zu ihr gehören 36 Bauten, darunter ein heiliger Pferdestall, mehrere riesige Tore, auf Japanisch Torii genannt, und Gebetsstätten, alle reich und bunt verziert. Die Besucherinnen haben die Köpfe in den Nacken gelegt, schauen nach oben und staunen mit offenen Mündern. Sind fasziniert von den Dächern, den zentralen Elementen der monumentalen Bauten.

„Im 17. Jahrhundert wurde das alles für den damaligen Herrscher errichtet, den großen Tokugawa Ieyasu“, berichtet die Reiseführerin den Damen. Der Wert der Anlage wird heute auf 400 Millionen Euro geschätzt, 140 000 Bäume waren für den Bau nötig. Aber der Respekt vor der Natur gebot es, dass 200 000 japanische Zedern nachgepflanzt wurden, was auch nicht billig gewesen sein dürfte. Auch deshalb wird Nikko heute für seinen Einklang mit der Natur gelobt.

Noch ein Gebet im Shintoschrein

Nicht weit von der riesigen Toshogu-Anlage stehen auch buddhistische Tempel, die wesentlich schlichter sind als ihre shintoistischen Entsprechungen, die der japanischen Urreligion entstammen. Mönche, die den Besuchern gegen etwas Geld ihren Segen anbieten, laufen in der ganzen Stadt herum. Die Mehrheit von Japans Bevölkerung sieht sich ohnehin beiden Religionen zugehörig, sowohl dem Shinto als auch dem Buddhismus, der einige Jahrhunderte später ins Land gebracht wurde.

Tatsächlich kommen viele Besucher auch wegen ihrer religiösen Anliegen oder dringenden Wünsche in die Stadt. „Mein Enkel schreibt im nächsten Jahr die Universitätsprüfung“, sagt eine der Damen. Sie wolle sich später nicht vorwerfen lassen, es sei an mangelnder Unterstützung aus der Familie gescheitert. Sie wird gleich beim entsprechenden Shintoschrein ein Gebet ablegen.

Die Japanerin Hitomi hat so eine Tat schon hinter sich. Bei einem Mönch habe sie um Erfolg im Beruf gebeten. Mittlerweile ist sie rund einen Kilometer hoch zum Hausvulkan Nantai gefahren, wo der Chuzenji-See liegt. Unten, im Restaurant, hatte sie noch über die alten Damen gescherzt, die jedes einzelne Blatt fotografieren wollten. Die machten dem Bild, das Ausländer von Japanern haben, ja alle Ehre, hatte sie gekichert.

Mittlerweile hat Hitomi selbst zu ihrer Kamera gegriffen. Sie wolle den bekannten Kegon-Wasserfall aufnehmen, der von oben hundert Meter in die Tiefe stürzt. Auch die Pflanzen auf den Felsen wechseln bereits ihre Farbe. „Das muss man doch fotografieren“, sagt sie, schießt ein Bild nach dem anderen. Ein paar löscht sie danach wieder. Dann schaut sie sich wieder um und murmelt dabei immer wieder ein Wort: „Kekko.“

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