Keitum, "das grüne Vergessen"

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Achtung, Schafe
Achtung, SchafeFoto: Hella Kaiser

Genauso ruhig wie Kampen geht’s jetzt in Keitum zu. Im „schönsten Dorf der Insel“ prunken sommers die bunt bepflanzten Gärten. Jetzt hat man freien Blick auf die hübschen Reetdachhäuschen. Keins sieht wie das andere aus, vor jedem möchte man bewundernd stehen bleiben. Ein gutes Drittel der Häuser stammt aus dem 18. Jahrhundert, gebaut von Kapitänen, die als Walfänger zu Geld gekommen waren.

Ortsführerin Silke von Bremen kennt viele Geschichten über die Bauten und ihre Eigentümer. „Schauen Sie die Klinker an. Manchmal sind grüne zwischen die roten gesetzt, ein Zeichen für besonderen Wohlstand.“ Wer ärmer war, übertünchte die Wände weiß. „Das ist heute natürlich nicht mehr so“, erklärt Silke von Bremen.

Keitum war lange eine Oase ohne Urlauber auf Sylt. Was sollten sie hier? Da war nur das Watt – und kein Strand in der Nähe. Max Frisch hatte Keitum in den 50er Jahren „das grüne Vergessen" genannt. Aber auch das wurde natürlich „entdeckt“. „Gunter Sachs machte Party in Kampen, aber er wohnte in Keitum“, weiß die Ortsführerin. Und führt zur „Promireihe“ auf dem Friedhof. Peter Suhrkamp und Rudolf Augstein liegen dort begraben, aber auch der Verleger Ferdinand Avenarius. Ein vorausschauender Mann. Schon 1913 hatte er gefordert, die Landschaft zwischen Kampen und List unter Naturschutz zu stellen. Nach seinem Tod, 1923, war es so weit. Zehn Naturschutzgebiete sind inzwischen auf Sylt ausgewiesen. Ein Glück für die Insel.

Das hübsche Dorf hat Wunden

Spätestens in den 80er Jahren kam Keitum mehr und mehr in Mode. Galerien und Boutiquen wurden eröffnet, viele Häuser wechselten die Besitzer. Stop and go ergoss sich der Verkehr im Sommer durch die schmalen Dorfstraßen, erst Ende der 90er Jahre wurde die Umgehungsstraße fertig.

Das hübsche Dorf hat Wunden. Nah am Meer steht eine klotzige Ruine. Aus dem beliebten Meerwasserschwimmbad von 1969 sollte ein großes Gesundheitszentrum mit Thermalbad werden. Man hatte heiße Quellen gefunden. Das Zauberwort zur Realisierung hieß Public-private-Partnership. Gründlich misslungen. Millionen an Steuergeldern flossen und versickerten gleichsam im Watt. Seit sechs Jahren ruhen die Arbeiten. Ob und wann hier jemals weitergebaut oder abgerissen wird, steht in den Sternen.

In der Nähe, auf dem ehemaligen Gelände eines Kindererholungsheims, hat vor Kurzem ein Ferienresort eröffnet. Es wirbt mit dem „längsten Reetdach Europas“. „98 Wohneinheiten“ konstatiert eine Angestellte stolz. Man kann ein Arrangement mit Porsche-Nutzung buchen. Wie Luxus ist, wenn er auch Seele hat, kann man im Benen-Diken-Hof erleben.

Das seit den 50er Jahren familiengeführte Hotel ist allmählich gewachsen. Drei, vier neue Häuser kamen dazu, im selben Stil wie die „Keimzelle“, das alte Kapitänshaus. „Wir achten schon drauf, dass hier alles weitgehend so bleibt, wie es war“, sagt ein Hamburger schmunzelnd. Ein Stammgast wie so viele im Benen-Diken-Hof. Einige von ihnen sitzen heute Abend an der gemütlichen, hufeisenförmigen Bar des Hotels. Chef Claas-Erik Johannsen steht hinter der Theke.

Was ist das Besondere an Sylt?

Es ist wie bei einem Familientreffen, in dem Fremde freundlich aufgenommen werden. Ein Herr aus Düsseldorf reist regelmäßig im Winter an. „Am liebsten am 1. Januar, wenn auf der anderen Seite Hunderte von Autos vorm Sylt-Shuttle in Richtung Festland warten.“ Dann leere sich die Insel auf wunderbare Weise, und er habe ein stilles Eiland fast für sich.

Was ist das Besondere an Sylt? „Die Vielfalt der Natur, die Extreme, das gibt es so auf keiner anderen Nordseeinsel“, sagt Johannsen. Auf dem Weg zur Nordspitze, dem Ellenbogen, kann man das erleben. Eine wild gewachsene Dünenlandschaft bäumt sich rechts und links der Wege auf. Langsam fahren, bitte.

Immer wieder tippeln Schafe über die schmale Straße. Wer im Sommer zur Spitze hinauffahren will, muss eine Maut von fünf Euro entrichten. Sogar von Radlern wird sie erhoben. Jetzt sind die Kontrollhäuschen verwaist.

List, vom klotzigen Arosa Resort mal abgesehen, ist erstaunlich normal geblieben. Am kleinen Hafen, wo die Sylt-Fähre zum dänischen Rømø pendelt, stehen bunt gestrichene Holzhäuser. Krimskrams häuft sich in der „Alten Tonnenhalle“. Bei Gosch, der „nördlichsten Fischbude“, bestellt ein gemischtes Publikum in Selbstbedienung Fische, gebrutzelt, gekocht, mariniert. Die meisten Leute wollen Tee. 50 Weine stehen auf der Karte, dazu zehn Sekt- und Champagnersorten. Wen interessiert’s?

Sylt kann ganz normal sein.

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