25 000 Kilogramm Turrón in zwei Monaten

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Valencia : Das Erbe der Mauren ist süß
Zähe Masse. Turrón-Produktion bei Primitivo ist Männersache.
Zähe Masse. Turrón-Produktion bei Primitivo ist Männersache.Foto: Inge Ahrens

Wir fahren auf den 1024 Meter hohen Pass von Carragueta, der von einem dichten mediterranen Eichenwald umgeben ist, dem Naturpark El Carrascar de la Font Roja. Von hier aus könnte man gleich loswandern. Wer im Gasthaus Pou de la Neu einkehrt, der lernt gleich eines der historischen Eishäuser kennen, in denen man früher bis in den Sommer hinein den Schnee für die Kühlung von Lebensmitteln sammelte. Atemberaubend ist der weite Blick über Steineichen, Eschen und Ahorn hinweg auf das in der Ferne blitzende Mittelmeer. Sollen sie doch plappern, planschen und in der Sonne braten! Hier zwitschern die Vögel, und es duftet nach Pinien und Kräutern.

Alcoi kann man sehen, es ist nicht weit. Zu Recht rühmt es sich seiner vielen Jugendstilbauten und des gewaltigen, 1907 erbauten Viadukts. In der Confiteria El Tunel naschen wir vom hausgemachten „Turrón de Yema“, eine Art Marzipan mit Eigelb. Dann schlachten wir eine Mandarine, die Señora Gloria kandiert hat, genauso wie die Tomaten aus ihrem Garten und die reifen Feigen. Der Süßwarenladen von 1822 sieht aus wie eine Konfektschachtel. In Alcoi geht es besonders im Frühling hoch her, wenn das Fest der Mauren und Christen gefeiert wird. Vor Weihnachten ist es eher beschaulich. Auf der Plaça de Dins schlürfen wir einen café Bombón mit gezuckerter Kondensmilch, pellen eine der ersten Orangen und schauen staunend zwei alt gewordenen Zwillingsdamen nach, deren gleicher Einsteckfrisur die Zeit nichts anhaben konnte.

Señora Gloria in der Confiteria El Tunel
Señora Gloria in der Confiteria El TunelFoto: Inge Ahrens

Zur Nacht steigen wir in der Landvilla La Mota ab, deren kleines Schild wir zufällig von Jijona kommend (N340/A213) auf dem Weg zum ehemaligen Santuario de la Font Roja entdeckt hatten. An diesem Kloster vertreten wir uns ein wenig die Beine im Wald, hin und wieder fällt ein Pinienzapfen. Den sieben Kilometer langen Rundweg zum Gipfel des Menejador auf 1352 Metern Höhe heben wir uns für später auf. Im La Mota beziehen wir eines der zwölf gemütlichen Zimmer und spazieren vor der Dämmerung vorbei am Gemüsegarten hinab ins Tal. In der Sierra de Mariola liegt das Landgut Masia el Altet. Dort werden soeben die Oliven geerntet, aus denen das gleichnamige, vielfach preisgekrönte Öl gewonnen wird.

Mit jedem Glockenschlag muss man eine Beere schlucken

So mangofarben wie der Abendhimmel, so rosenrot ist der Morgen hier im Naturschutzpark. Auf der anderen Talseite sehen wir auf einem Felsen am Hang das Haus eines längst verblichenen Poeten. Da werden wir morgen hinlaufen. Heute fahren wir ins Vinalopó-Tal, vorbei an der Spielzeugstädten Ibi, Castalla und an Onil, wo die spanische Barbiepuppe in den 1970er Jahren Nancy hieß und stramme Waden hatte. Vor allem aber wachsen nahe der Marmorstadt Novelda herkunftsgeschützte Tafeltrauben, die seit jeher in Papiertüten reifen. Das gibt ihnen eine ebenmäßige Farbe und schützt vor Regen. Die prallen Früchte schmecken köstlich.

Die Spanier vergnügen sich erst an Silvester mit ihnen. Mit jedem Glockenschlag zum Jahreswechsel muss nämlich eine Beere geschluckt werden. Das soll Glück bringen. Jetzt naht aber erst mal Weihnachten. Auf dem bunten Teller liegt natürlich das Turrón, aber auch Marzipan, kandierte Früchte, gezuckerte Mandeln, die hier Peladillas heißen, und allerlei Gebäck. In Jijona haben Kinder und Jugendliche das Spato-Gras geschnitten und zu Ruten gebunden. Am Heiligen Abend zünden sie es an und schwenken ihre Feuerruten auf den Plätzen der Stadt wie in einer Zirkusmanege.

Primitivo, Primi und Beatriz sind dann längst wieder in Pamplona. 25 000 Kilogramm Turrón haben sie in zwei Monaten zubereitet. Kommendes Jahr Ende Oktober kommen sie wieder. Primitivo hatte nämlich in den Norden geheiratet, seine Manufaktur in Jijona aber nie aufgegeben. Tradition ist schließlich Tradition. War doch sein Familienunternehmen schon 1890 Hoflieferant des spanischen Königshauses. Längst gibt es auch in Pamplona einen Turrón-Laden.

Für Paco Torreblanca, der vor zehn Jahren zur Hochzeit des spanischen Kronprinzen Felipe und seiner Letizia eine Schokoladentorte schuf, darf ein guter Turrón nicht zu süß sein. Der große Meister der kunstvollen spanischen Torten und Törtchen und Leiter einer Konditorenschule im Vinalopó-Tal macht natürlich sein eigenes Turrón. Das herkömmliche ist ihm viel zu süß. Für ihn soll es nach gerösteten Marcona-Mandeln, Orangen- oder Mandelblütenhonig und Gewürzen aus dem Morgenland schmecken. „Dann tut sich der Orient auf.“ Die Heiligen Drei Könige können also am 6. Januar kommen. Dann wird noch mal gefeiert.

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