Der verruchte Boulevard von Zandvoort

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Flanieren : Das ist meine Promenade!
Gerd W. Seidemann
Nah am Wasser. An der Fischbude an der Strandpromenade von Zandvoort stoppen vor allem Touristen.
Nah am Wasser. An der Fischbude an der Strandpromenade von Zandvoort stoppen vor allem Touristen.Foto: ullstein bild

Capri! Lago Maggiore! Das waren die deutschen Sehnsuchtsorte der 60er Jahre, Namen, die auf der Zunge zergehen. Und wir fuhren nach Zandvoort aan Zee. Zu unserer großen Freude, denn das bedeutete, nur zweieinhalb Stunden im Auto sitzen (die waren lang genug), und dann über die Straße stürzen, direkt ins Meer. Ferien! Jeden Sommer, sechs Wochen lang. Die 60er Jahre waren keine gute Zeit für den Ort, den man ungefähr Sandvuort ausspricht. Das holländische Seebad war im Krieg schwer beschädigt worden, der Bauboom erledigte nun den Rest.

Direkt vor unsere Nase wurde der Bouwes Palace gesetzt, ein rund 20-stöckiges Apartmenthotel (mit Spielcasino!) in Form einer Scheibe. Wenn man schon einen Palast hat, braucht man natürlich auch eine Promenade, also gab es in Zandvoort fortan den Sandstrand, und zusätzlich darüber den gepflasterten Strand. Eigentlich mehr was für die Großeltern, die sich die Füße nicht sandig und nass machen wollten; aber wir, die wir nicht wussten, wie man promeniert, nicht einmal, dass es so was überhaupt gibt, rannten über den breiten Boulevard, rannten vor und zurück und zick und zack. Was, wenn der Nordseewind stürmte, einer Mutprobe gleich kam, denn wir Leichtgewichte wurden schnell weggefegt.

Der Boulevard, auf dem man selten einen Einheimischen traf, (die nahmen den geschützten Weg durch die Stadt) endete, wenn ich mich recht entsinne, nach ungefähr einem Kilometer an der runden Polizeistation, an der am Strand verloren gegangene Kinder abgegeben und wieder abgeholt werden konnten. Von hier oben hatte man einen herrlichen Blick übers Meer bis zum Horizont. Auf den Bänken des Boulevards saßen aber keineswegs nur Rentner, sondern auch „Gammler“, wie die Hippies der 70er Jahre genannt wurden, die dort ihre Joints rauchten, Brot aus der Plastiktüte aßen. Verruchte weite Welt in Zandvoort aan Zee.

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