Der Sage nach fand Isis hier das Herz ihres Mannes

Seite 3 von 3
Im Tal der Könige : Wendepunkte am Strom
Kein Flachmann. Die „Sunray“
Kein Flachmann. Die „Sunray“Foto: promo

An Deck schützt ein ausladendes Sonnensegel, unter dem sich das Bordleben tagsüber abspielt, wenn es nicht allzu heiß ist. Wer will, kann sich in einem Pool abkühlen, der 1,50 Meter tief und geräumig wie ein Berliner Altbauwohnzimmer ist. Ein paar Stufen abwärts – und wir können dem „Rais“ bei der Arbeit zuschauen, dem Kapitän. Das hüfthohe Steuerrad ist zwar funktionsfähig, doch der „Rais“ bevorzugt eine Art Joystick, den er mit dem Mittelfinger bewegt, um das Schiff auf Kurs zu halten. Der Schnauzbärtige im Männergewand trägt die Taqiyah, eine schlichte und weiße Kopfbedeckung. Er strahlt große Ruhe und Freundlichkeit aus – vielleicht hat das auch etwas mit dem zerlesenen Koran zu tun, den er links griffbereit abgelegt hat.

Wir sehen Halbwüchsige, die Netze auslegen, mit Paddeln auf den Fluss eindreschen und dabei Krach schlagen, um die Nilbarsche in die Reusen zu treiben. Bauern am Ufer schneiden Viehfutter, andere bringen auf knatternden Mopeds Bündel mit Zuckerrohr in die nächste Fabrik. Nirgendwo sonst, so ist zu lesen, werde mehr Zucker pro Kopf konsumiert als in Ägypten. Kinder kraulen derweil durch den Nil und winken.

Zwischenhalt vor Agilkia, einer etwas höher gelegenen Insel, auf die die Tempelanlagen von Philae gebracht wurden, um sie vor Überschwemmungen durch den Assuan-Stausee zu bewahren. Vor Agilkia dümpeln Dutzende Fährboote, unbemannt und ohne Gäste. Auf der Insel selbst geht es zu wie auch einige Meilen weiter in Karnak oder in der Tempelanlage von Luxor: Die Besucher haben Platz. Touristenscharen, die sich beim Staunen gegenseitig behindern, sind in diesen Märztagen nicht unterwegs – ein durchaus vorteilhafter Effekt. Wir haben Zeit und Muße, die Anlagen zu durchstreifen und all die Zeichen und Hieroglyphen zu bewundern, die auf den Säulen angebracht sind.

Der Sage nach fand Isis hier das Herz ihres Mannes Osiris, aber die Geschichte endete in einem ziemlichen Gemetzel zwischen allerlei Göttern. Das wünschen wir dem jungen einheimischen Paar nicht, das sich abseits in den Schatten zurückgezogen hat – er in westlicher Kleidung, sie in Burka mit Sehschlitz.

Die Schleuse vor Luxor ist der Arbeitsplatz von Händlern, die den Touristen Tücher und Galabijas – helle Männergewänder – verkaufen. Je nach Schleusung werfen sie ihre Ware zur Ansicht in spektakulär hohem Bogen aufs Sonnendeck oder offerieren sie ihren Kunden in Augenhöhe – ein großartiges Spektakel! Die Händler seien einfallsreicher und aggressiver geworden, sagt unser kundiger Guide, ein erklärter Oppositioneller, studierter Ägyptologe und konzessionierter Fremdenführer. Die Wirren der Nachrevolution hätten die Händler und ihre Familien oft um die Einnahmen gebracht, aber man sei wieder hoffnungsvoll, sagt er und muss seine Sätze gegen die Kakophonie stemmen, die im abendlichen Leben am Nil anschwillt.

Wer kann, der hupt. Ambulanzfahrzeuge sind drüben auf der Ausfallstraße im Einsatz, die Glocken der orthodoxen Koptenkirche läuten zur Vesperandacht, aus den Lautsprechern der zahlreichen Moscheen, kommen – sehr unsynchron – Koranverse. Vor uns formiert sich kreischend ein Schwarm Seidenreiher, der im Licht der untergehenden Abendsonne verschwindet.

1 Kommentar

Neuester Kommentar