In den Marktgassen jenseits der Bahn versorgen sich die Einheimischen

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Im Tal der Könige : Wendepunkte am Strom
Bitte recht freundlich am Tempel von Edfu.
Bitte recht freundlich am Tempel von Edfu.Fotos: Schulte Döinghaus

Die meisten Kreuzfahrer sind im Pensionsalter, doch es gibt auch Familien, deren Mitglieder auf der ganzen Welt verstreut sind und die sich zum Familientreffen auf dem Nil verabreden. Etwa eine Berliner Sippe. Tochter und belgischer Schwiegersohn betreiben zwei kleine Hotels irgendwo im Nildelta; die Mutter arbeitet als Buchhalterin in einer Berliner Firma, er als abgeordneter Polizeiberater in Afghanistan. Gemeinsamer Treffpunkt in diesem Jahr: die „Sunray“ auf dem Nil. Sie bewohnen darin Kabinen, die nichts anderes sind als geräumige Fünf-Sterne-Hotelzimmer mit Dusche, Bad, WC, Klimaanlage und beinahe ausladendem Doppelbett, von dem aus man entweder das langweilige Fernsehprogramm oder das quirlige Leben auf und am Fluss verfolgen kann – und zwar aus einem ganz normalen Hotelfenster.

Die „Sunray“, sie gehört zur schweizerischen Mövenpick-Unternehmensgruppe, ankert heute am Ostufer, zwischen der Nilinsel Elephantine einerseits und in unmittelbarer Nachbarschaft der Uferstraße. Zerschnitten wird die Stadt durch den Bahnstrang der Eisenbahnlinie, die von Kairo über Luxor bis hierher fährt. Westlich davon sind die Vorzeigequartiere mit den Märkten, auf denen für den gehobenen und für den touristischen Bedarf feilgeboten wird.

In den Marktgassen jenseits der Bahn versorgen sich die Einheimischen; Rinderhälften baumeln vor dem Metzgerladen, eine Interessentin in der Burka prüft und füllt eine Plastikkiste. Über die aufgestapelten Fische nebenan beugen sich Männer, teils westlich, teils orientalisch gekleidet, einige barhäuptig, andere mit Fes. Gezänk hinter den Obst- und Gemüseständen, von den Gewürzauslagen duftet der Orient aus allen Ritzen; ein Händler räuchert seine Uhren mit Weihrauch ein, als wolle er sie segnend vom Qualitätstatus „zweifelhaft“ zur Note „echt“ befördern. Labyrinthisch verzweigen sich die Wege unter den Planen, der eine oder andere heftige Ruf scheint dem Fremden zu gelten, dessen Neugier alle Sicherheitsbedenken zunichte macht, die heute sowieso nicht angebracht sind. Leben am Nil.

Drüben auf Elephantine liegt eine Ausgrabungsstätte, die einem Nubierdorf aus Lehmziegeln benachbart ist. Im Alten Ägypten war die Insel Lagerplatz für Elefanten, heute ist sie Schauplatz internationaler Grabungskampagnen. Beteiligt ist auch das Deutsche Archäologische Institut. Vielleicht war es eine frühe Grabkammer, deren Wände ein Archäologenduo ausmisst, während Jitse H.F. Dijkstra ein paar Granitblöcke weiter auf altmodischen Papierpausen zeichnet und die Studentin Sabrina Fotos und Formulare ordnet. Forschungsgegenstand des Archäologieprofessors aus dem kanadischen Ottawa sind Graffiti aus der Zeit der Römer, Griechen und Araber und das, was sie uns über das religiöse Leben aus jener Zeit erzählen. Irgendwelche Probleme, Herr Professor? „Überhaupt keine“, sagt der gebürtige Holländer. Im zuständigen „Inspektorat Assuan“ des Staatsministeriums für Altertumsangelegenheiten herrsche neuerdings zwar eine gewisse Unübersichtlichkeit, das sei aber alles, sagt er freundlich und paust weiter in einer krummbuckligen Haltung, die nach der Berufsgenossenschaft schreit.

Breit genug ist der Nil, damit sich die Kreuzfahrtkapitäne ein paar Überholmanöver leisten können, um bei Laune zu bleiben. Und schmal genug ist der Fluss hier zwischen Ober- und Unterlauf, dass die Passagiere ein bisschen das Leben am Fluss beobachten können. Snobs tun das in der Schiffsbar oder von Korbstühlen aus. Die unglaublich aufmerksamen Servicemitarbeiter halten mit dem Durst ihrer doch wenigen Gäste mühelos Schritt. Dafür fällt das Bordprogramm – mit abnehmender Gästezahl – meist routiniert aus. Verkleidungspartys und Bauchtanzvorführungen sind ohnehin nicht jedermanns Sache. Doch wer’s mag. Die anderen begnügen sich mit einem abwechslungsreichen und gesunden Büfettangebot bei Frühstück, Lunch und Dinner. Getränke kommen allerdings extra.

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