Opfer zu bringen war immer eine irische Spezialität

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Irland : Grenzenlose Herzlichkeit
Gavin Robinson, Lord Mayor von Belfast.
Gavin Robinson, Lord Mayor von Belfast.picture-alliance/empics

William Morton, der Dean von St. Columb’s Cathedral, hält regelmäßig ökumenische Gottesdienste ab. Er spricht über die großen Anstrengungen der Kirchen, normale Nachbarschaft möglich zu machen, den Menschen zu helfen, die Dinge neu zu sehen. Doch, die Kathedrale enthält noch eine Reliquie, die an die Belagerung der Stadt vor der entscheidenden Schlacht erinnert: eine Kanonenkugel, die ein Blatt Papier mit der Aufforderung zur Aufgabe erhielt. Sie flog 1689 in die Stadt und gilt Bewohnern heute als „das erste Fax“. Es wird noch Zeit brauchen, bis alle Wunden verheilt sind.

Am Rande von Belfast liegt Stormont, das prachtvolle, einem Schloss sehr ähnliche Parlamentsgebäude, in dem der Friedensprozess 2007 einen kräftigen Schub bekam durch eine gemeinsame Regierung der einst verfeindeten Parteien. Die Abgeordneten Alastair Ross von der Democratic Union Party und Sean Lynch von Sinn Fein treffen gemeinsam die deutsche Besuchergruppe. Er hätte nie gedacht, dass er jemals in einem nordirischen Regierungsgebäude arbeiten würde, sagt Lynch, der wegen seiner Aktivitäten bei der IRA 14 Jahre lang im Gefängnis saß. Es ist ein kleines Wunder, dass dieses Treffen zustande kommt, denn seit dem Ausbruch des Flaggenkonflikts reden die Politiker der unterschiedlichen Gruppen nicht mehr so gern miteinander.

Sinn Fein hatte Ende vergangenen Jahres den Antrag gestellt, den Union Jack nicht mehr jeden Tag zu hissen, sondern nur noch an ausgewiesenen Flaggentagen, insgesamt 13 im Jahr. Das ging durch, sehr zum Ärger der Loyalisten. Immer wieder formieren sich kleine Demonstrationen gegen diesen Beschluss, und der Tourist staunt, wie viel Polizeipräsenz es dabei gibt. Die Frage des Besuchers, ob man nicht einfach sowohl die irische als auch die englische Flagge nebeneinander aufziehen könnte, findet der engagierte Belfaster Bürgermeister gar nicht lustig. „Man kann doch nicht einfach eine ausländische Flagge hissen“, sagt er empört.

Nicht alle Iren sehen das so streng. Im Zentrum von Belfast gibt es eine Filiale der allgegenwärtigen Souvenirkette Carrolls. Wegen der großen Auswanderungswellen in die USA haben heute etwa 40 Millionen Amerikaner irische Wurzeln, und wenn sie kommen, um die zu suchen, nehmen sie als Andenken gern Kühlschrankmagneten, T-Shirts, CDs mit Trinkliedern oder alles, was sich mit bunten Schafen bedrucken lässt, mit. Als Belohnung gibt’s Rabattgutscheine, einzulösen beim nächsten Kauf. Es war nur ein Versuch, diesen in Belfast erhaltenen Gutschein dann im Ausland, also in Dublin, einzulösen und – oh Wunder: „Kein Problem“, sagt der nette Verkäufer an der Kasse und zieht den Betrag von der Rechnung ab. Auf kommerzieller Ebene funktionieren die Brücken also doch ganz gut.

Das ist schon im Zug zu spüren. Der Getränkeschaffner fragt, wenn er Kaffee und Sandwich verkauft, routiniert nach, ob man in Sterling oder Euro bezahle. Wer von Belfast mit seinen vielen alten Konflikten ins vergleichsweise heitere Dublin kommt, versteht sofort, warum die Iren so begierig darauf sind, spätestens in einem Jahr in Euro-Land als Musterknaben dazustehen. Die erheblichen Opfer zur Rettung der Gemeinschaftswährung nimmt die Bevölkerung anders als in den mediterranen Ländern ohne zu murren hin.

Das spannungsgeladene Verhältnis zu den britischen Nachbarn schürt offensichtlich die Motivation, für die Erhaltung der gemeinschaftlichen europäischen Währung auch im Land zu kämpfen. Immer wieder hört man, dass die Menschen bereit sind, Opfer zu bringen, wenn sie ihre Lebensumstände verbessern können. Opfer zu bringen war über die Jahrhunderte wohl ohnedies eine irische Spezialität. Und trotzdem ist darüber die Lebensfreude nicht verloren gegangen. Das ist auch in den Pubs zu spüren, mit ihren guten Musikprogrammen.

Die Touristen mögen Irland, was sicher auch an der großen Herzlichkeit der Bewohner liegt. Die eint das geteilte Land, das sich eine Wiedervereinigung dennoch einfach nicht vorstellen kann.

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