Es wurde gebaut auf Teufel komm raus

Seite 2 von 2
Kanarische Inseln : Poesie wohnt nicht am Strand
Betancuria, hübsch herausgeputzter Ort im Innern der Insel.
Betancuria, hübsch herausgeputzter Ort im Innern der Insel.Foto: Stefan Berkholz

Sogar am Strand von Pozo Negro scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Wenige weiß gekalkte Fischerhäuschen stehen dort, ein paar bunte Boote liegen auf dunklen Kieseln. Ewig könnten wir sitzen bleiben in dem winzigen Lokal „Los Pescadores“. Ein paar Tische unter Sonnenschirmen. Garnelen mit Knoblauch für sieben Euro sind zu bestellen, dazu ein knackfrischer Salat für 3,50 Euro. Köstlich. Der Strand ist bedeckt mit Lavageröll. Liegen sind nicht zu mieten. „Nur am Wochenende ist hier ein bisschen Betrieb“, sagt Volker Huber. Einheimische liebten den abgeschiedenen Ort.

Pozo Negro scheint aus der Zeit gefallen angesichts der zugebauten Touristenorte auf Fuerteventura. In Corralejo im Norden etwa gibt es keinen Platz mehr für Träume. Rundherum sind große Appartementblocks gewachsen, immer mehr Betonklötze kamen hinzu. In den 70er Jahren wurden zwei riesige Hotels direkt in die Sanddünen gesetzt. Eins davon, das „Oliva Beach“, soll 2017 abgerissen werden. Denn nun steht es im später ausgewiesenen Naturschutzgebiet. Aber was ändert das? An vielen Stellen der Ostküste wurden Neubauten hochgezogen, etliche stehen leer. Hier und da ragen Betongerippe auf, wie Mahnmale. Was soll aus ihnen werden? Die Inselregierung hält sich bedeckt. „Die Krise ...“, heißt es nebulös. Einiges solle abgerissen werden, aber wann? Niemand weiß es.

In vielen Reiseführern gilt das Surferparadies El Cottillo am nordöstlichen Zipfel Fuerteventuras noch als „idyllischer Fischerort“. Vielleicht wird es im Sommer lebendig hier, wenn die Sportler mit ihren Brettern anreisen. Jetzt, im März, wirkt der Ort gespenstisch. „Se vende“ steht an Läden und Ferienappartements, kein Mieter ist in die schlüsselfertige Shoppingmall gezogen. Viel zu breit sind die neuen Straßen, in denen man einsam spazieren kann. Beklemmende Ödnis, über die sich hilflos ein azurblauer Himmel spannt.

„Fahren Sie nach Los Molinos, das wird Ihnen gefallen“, hatte Volker Huber empfohlen. Eine schmale Straße durch rotbraune hügelige Landschaft führt zu dem Ort, vielleicht zehn Kilometer unterhalb von El Cottillo. Lands end. Eine kleine Bucht voller schwarz-glänzender Steine, umrahmt von dunklen Felsen. Wer darüberklettert, landet an einer Bar. „Las Bohemias del Amor“, steht auf bröckeligem weißen Grund geschrieben. Windschiefe Treppen führen hinauf, und dann sitzt man auf einer Terrasse und schaut aufs Meer. An diesem Spätnachmittag haben nur drei Menschen den Weg hierher gefunden. Ein junges italienisches Pärchen und ein Deutscher, in sein Buch vertieft. Für Los Molinos wird sich so bald kein Investor finden. Zu weit weg von der Hauptstraße, zu eng zum Bebauen, der Strand voller Steine. Ein Versteck zum Träumen.

Die Halbinsel Jandía im Süden dagegen haben Anleger längst ins Visier genommen. Gebaut wurde auf Teufel komm raus, der einst hübsche Ort Morro Jable hat seinen Charme verloren. Doch auch auf Jandía gibt es Menschen, die sich um den Schutz von Flora und Fauna kümmern, um Nachhaltigkeit bemüht sind. Wir besuchen ein Schildkrötenprojekt. Am westlichsten Zipfel der Insel, in Puerto de la Cruz, wacht Tony Gallardo über seinen Schildkrötenkindergarten.

In Bassins schwimmen die Winzlinge herum, warten auf den Start ihrer Reise ins Meer. Man wird die Tiere zum naturbelassenen Weststrand Cofete bringen, wo sie dann – einjährig – halbwegs ungefährdet ins Wasser kriechen können. Gallardo hofft, dass sie in rund 15 Jahren wiederkommen, um hier im Sand ihre Eier abzulegen. „Schildkröten kehren immer dorthin zurück, wo sie geboren wurden“, sagt er. „Es ist ihr Instinkt.“ Doch nur wenige werden es schaffen. „300 000 Schildkröten verenden jährlich im Mittelmeer“, sagt Gallardo. „Sie verfangen sich in den Schleppnetzen von Fischern.“

Die Wege nach Cofete, zum Weststrand, sind holprig und voller Schlaglöcher. Mietwagenverleiher mögen es nicht, wenn Urlauber mit den Autos dorthin fahren. Sie empfehlen die Inselmitte mit dem hübsch herausgeputzten Ort Betancuria zum Beispiel, zu dem eine zwar kurvige, aber asphaltierte Straße führt. Unweit des Dorfes überblickt man die rot-braune, sandige Landschaft des Inselnordens. Noch besser wäre die Aussicht vom kunstvollen Mirador Morro Velosa. Nach Plänen von César Manrique, dem Architekten von Lanzarote, wurde er errichtet. Doch seit Oktober 2011 ist das Gebäude geschlossen. Ein sechsmonatiger Umbau war geplant. Doch immer noch ist alles verrammelt und niemand weiß, wann Besucher wieder hinaufkönnen.

Vielleicht fehlt einfach das Geld. Beim Mirador ist das schade, für die Insel aber ist es ein Glück. Denn es zwingt zum Innehalten, neue Baukräne würden vorerst nicht aufgestellt.

Artikel auf einer Seite lesen

0 Kommentare

Neuester Kommentar