Aufbruch! Die Möchtegern-Hirten werden beinahe umgerannt

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Kaukasus : Wenn es regnet, kommen die Wölfe
Schlicht ist manche Herberge im Kaukasus.
Schlicht ist manche Herberge im Kaukasus.Foto: Michael Fröhlich

Für 1000 Schafe sind Elisbar Machmedow und seine beiden Gehilfen, ein riesenhafter Stiller und ein junger Schmächtiger ohne Schneidezähne, der eine Wollmütze mit dem Schriftzug „Armani“ trägt, verantwortlich. Drei Hirtenhunde unterstützen sie. Vier Pferde dienen als Tragetiere für Filzschlafsäcke, Regenplanen, Kochgeschirr und die spärlichen Vorräte.

Elisbar begrüßt Otari und seine Gäste mit Handschlag. Zwei Tage lang dürfen sie ihn und die Herde begleiten. Der Hirte pfeift schrill durch die Zähne und lässt erneut seinen Stab durch die Luft wirbeln: Aufbruch! Die wolligen Leiber laufen und hoppeln bergab. Einige folgen der kurvenreichen Passstraße, an deren Rändern Himbeeren wild wachsen. Andere rennen einfach querfeldein. Viertausend Hufe trommeln in wildem Durcheinander über Wiesen und Felsen, durch Strauchwerk und über rissigen Asphalt.

Die Möchtegern-Hirten aus dem Westen werden beinahe umgerannt. Erst mit der Zeit werden sie trittsicherer. Nun fallen ihnen auch vereinzelte Ziegen in der Herde auf. „Die sind besonders schlau und dienen daher als Leittiere“, erklärt Elisbar, während er mit dem geschwungenen Griff seines Stabes ein Jungtier an den Hinterbeinen aufhält, das auf einen Abgrund zurennt. „Und Ziegenfleisch ist zarter als das der Schafe.“

Die Frauen, der Kaukasus und der Wein

Nach vier Stunden die erste Rast. Während die Urlauber in der Sonne dösen, zieht Otari, der Maler aus Tiflis, Zeichenblock und Bleistift aus seinem Rucksack hervor und skizziert Schafe vor Wehrtürmen und Gletschern. „Zu Hause in der Stadt male ich nur Frauen“, sagt er und lächelt. „Ich liebe die Frauen, den Kaukasus und den Wein!“ Sein Großvater sei 100 Jahre alt geworden. Und er selbst werde das auch, sagt er. Schon weil er eine strenge Alkoholdiät halte, nach dem Prinzip: „Viel hilft viel!“ Aber immer nur eine Sorte pro Nacht, rät der Künstler seinen Gästen. „Trinkt nie durcheinander!“

Auch die tuschetischen Hirten haben ihre eigenen Überzeugungen. Als Georgien im 4. Jahrhundert mit Waffengewalt christianisiert wurde, flüchteten sie mit ihren Herden in die abgelegenen Bergregionen des Kaukasus und opferten hier oben weiter ihren Naturgöttern. Zum Christentum wechselten viele erst im 9. Jahrhundert. Doch zudem praktizieren sie bis heute ihre ursprüngliche Religion. An vielen Orten bringen sie ihren Göttern an Kultstätten in freier Natur – häufig einfachen Steinkreisen – Tieropfer dar. Im Sommer kommen zu den religiösen Festen auch viele Tuschen, die sonst in der Hauptstadt leben, in die Heimatdörfer.

Als sich die Herde spät nachmittags dem Bergdorf Omalo nähert, verdunkeln Wolken den Himmel. Die Abenteurer aus dem Westen genießen in einer Schiefersteinhütte bei Kerzenschein ein weiteres Festmahl. Da prasselt kräftiger Regen los. „Jetzt kommen die Wölfe und Braunbären näher“, sagt Otari ernst. „Wenn es regnet, können die Hirtenhunde sie weniger leicht erschnuppern.“ In der Nacht ist dann mehrfach beunruhigendes Geheul zu vernehmen. Wölfe? Die Hunde bellen.

Schneesturm: Urlauber entspannen sich in warmem Heilwasser

Kein Tier wird gerissen – aber am nächsten Morgen schüttet es noch immer. Und es geht nun steil bergan. Tausend Höhenmeter sind es noch bis zum Abano-Pass. Die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, kämpfen sich die Westler gemeinsam mit Otari, den Hirten und Tieren den Hang hinauf. Die meisten haben sich Hirtenstäbe geschnitzt. „Ho!“, rufen sie tapfer. Einer darf sogar für ein paar Minuten die Packpferde führen. Der Regen wird zu Schnee. Immer dichter fallen die Flocken. Wind kommt auf.

Zwei Gestalten zeichnen sich durch den Schneesturm ab. Hoch zu Ross treiben die beiden Männer Dutzende Rinder vor sich her. Auf einem Hochplateau wird es eng. Die Tiere der beiden Herden laufen aufgeregt blökend und muhend durcheinander. Ein Bulle versucht, im Laufen eine Kuh zu decken. Sie schüttelt ihn ab, er stürzt mit voller Wucht auf ein paar Schafe. Die Tiere blöken laut vor Schmerz, der verhinderte Samenspender rappelt sich wieder hoch. Elisbar flucht und dirigiert seine Leitziegen mit Stockhieben von den Rindern weg.

Bei einem der Hobbyhirten löst sich sich nun die Sohle eines Bergstiefels. Andere sind durchgefroren. Doch das Ziel ist nicht mehr weit. Otari und seine Gäste werden abgeholt. Auf dem nächsten Bergrücken warten Fahrer, die sie in Geländewagen bis zu den heißen Quellen am Fuße des Kaukasus chauffieren. Dort entspannen sich die erschöpften Urlauber bald darauf in 35 Grad warmem Heilwasser, während die wahren Hirten ihre Schafe weiter durch den Schneesturm treiben.

In der Abenddämmerung erreichen die Abenteurer schließlich die Weinregion Kachetien mit ihren Hügeln und kleinen Winzerbetrieben. Endpunkt der Reise. Hier wird der Wein aus Kristallgläsern getrunken, nicht aus Tassen, Wassergläsern oder ausgehöhlten Schafshörnern, wie im Gebirge. Otari schenkt sein Glas randvoll mit Tschatscha, trinkt es in einem Zug aus, schnappt sich ein Brotmesser und führt einen georgischen Schwerttanz auf. „Otto!“, ruft einer der Urlauber, als der Applaus verklingt, „Du sollst nicht 100 Jahre alt werden – sondern mindestens 300!“ Otari verbeugt sich: „Gaumatschos.“

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