Nur die Geräusche des Regenwaldes sind zu hören

Seite 3 von 3
Neuseeland : Im Reich der Rekorde
Schön grün ist es allenthalben auf der Insel am anderen Ende der Welt. Das kommt nicht von ungefähr – es regnet halt sehr viel.
Schön grün ist es allenthalben auf der Insel am anderen Ende der Welt. Das kommt nicht von ungefähr – es regnet halt sehr viel.Foto: Christiaan Briggs

Um sechs Uhr früh wirft Captain Allen die Motoren an, die allem Schlaf ein Ende setzen. Im Doubtful Sound gibt es keine Sonnenaufgänge, die nun zu bewundern wären. Zu dicht ist die Wolkendecke. Dafür gibt es Wasserfälle. Während wir über Kaffee, Eiern und Toast sitzen, steuert Captain Allen das Schiff unter die Klippen – oder zumindest in Fühlweite an sie heran. Wasser tost Felsen hinab. Aus nächster Nähe bewundern wir mit Flechten bewachsene Felsen und tropfende, saftig grüne Büsche. Das Wasser platscht munter aufs Deck. Der Kapitän geht mit dem Manöver kein Risiko ein: Auch am Ufer reicht das Wasser unterm Bug hier noch 90 Meter in die Tiefe.

Zur Besinnung bringt Allen seine fröhlich lärmenden Passagiere mit dem „Sound of Silence“. Er schaltet die Motoren ab. Keine Tür schlägt mehr. Niemand spricht. Sogar die Kameras machen Pause. Still liegt das Schiff im Wasser. Die Berge schweigen gleichgültig auf uns herab. Nur die Geräusche des Regenwaldes sind zu hören, so, wie sie die ersten Forschungsreisenden und lange vor ihnen die Maori vernahmen: Das Rauschen unzähliger Wasserfälle und der Gesang der Vögel.

Ganz und gar nicht still geht es hingegen nahe Queenstown zu. Die Stadt am Lake Wakatipu gilt als Mekka für Extremsportler und alle, die größten Spaß am Nervenkitzel finden. Deren Fokus liegt auf der Kawarau- Brücke, wo sich Adrenalinsüchtige an Gummiseilen von einer Plattform in die Tiefe stürzen. Seit der Bungee-Pioneer A. J. Hackett 1986 mit einem Sprung von der Hafenbrücke in Auckland und später von der Kawarau-Brücke den Grundstein für seinen persönlichen Ruhm und Reichtum gelegt hat, pilgert die Gemeinde der Waghalsigen vor allem nach Queenstown. Angeblich stürzen sich an manchen Tagen mehr als 100 Menschen nicht nur ganz freiwillig in die Tiefe, sondern sie zahlen auch noch umgerechnet 115 Euro für das offenbare Vergnügen, dem scheinbar sicheren Tod ins Auge zu schauen, um dann doch von einem Latexseil abgefangen zu werden. Hier sei übrigens verraten: Wer den extrem laut schreienden Springern nur zuschaut, wird (fast) den gleichen Nervenkitzel erfahren – ganz ohne dafür zu zahlen. Schließlich fragt sich jeder: Hält das Seil?

Wem die Sache mit dem Kopfsprung denn doch etwas zu waghalsig erscheint, muss keineswegs auf den Kick verzichten. Ein paar Autominuten den Fluss entlang wartet der nächste Nervenkitzel. Knallrote Jetboote kreiseln wie nervöse Rennpferde im Canyon und warten nur auf den Startschuss. Und Passagiere, natürlich. Die dürfen zunächst umgerechnet 75 Euro bezahlen, bevor sie mit einem Bootsführer in rasender Geschwindigkeit über den Gebirgsfluss düsen – stets haarscharf am schroffen Fels vorbei, wilde Kurven und so manchen 360-Grad-Kreisel drehend.

In Queenstown vergessen Touristen oft, wo sie sind. Die gängige Vorstellung von Neuseeland zählt hier nicht mehr: keine Schafe, keine Stille. Die überwältigende Natur findet sich gleichwohl in nächster Nähe. Doch sie wird von den Besuchern der „Abenteuer-Hauptstadt der Welt“ für Gleitschirmfliegen, Bungee- Springen, Rafting und Jetboating, spektakuläre Ausflüge mit Helikoptern und Heißluftballons genutzt. Irgendwie wundert einen das nicht. Schließlich sind 80 Prozent der Einwohner jünger als 45. Und die Million Pilger aus aller Welt sowieso.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben