Im Saxony Hotel scheint nichts zu teuer

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Miami Nice : Kein Ort für schwere Jungs
Üppig kommt an. In Little Havanna wird bunt und selbstbewusst dekoriert.
Üppig kommt an. In Little Havanna wird bunt und selbstbewusst dekoriert.Foto: Andreas Conrad

So viel Aufbruchsstimmung scheint derzeit typisch für die touristisch eng verwobenen, kommunalpolitisch aber getrennten Nachbarstädte Miami und Miami Beach. Zwar wird die Zahl der Baukräne die der Palmen nie übertreffen, aber allenthalben werden einem stolz neue Viertel empfohlen oder sie entstehen gerade, und gern wird dann auf den Ruhm der Leute verwiesen, die daran beteiligt sind. Etwa im Faena District in Miami Beach, benannt nach dem Argentinier Alan Faena, einst Modedesigner, nun Hotelier, Investor und Projektentwickler der Spitzenklasse, der zwischen 32. und 36. Straße in Strandnähe ein neues Luxusviertel hinpflanzt, mit dem ehemaligen, 1948 eröffneten, nun auf aktuelles Topniveau gehievten Saxony Hotel als Zentrum.

Nichts scheint hier zu teuer: verschwenderisch groß die Eingangshalle („The Cathedral Hall“) des kürzlich eröffneten Hauses, das nun Faena Hotel heißt – die Säulen vergoldet, die Wände in barocker Pracht mit Gemälden des Argentiniers Juan Gatti bedeckt. In deren metaphorisch überladener Detailfülle („The Way to Futopia“) droht das Auge zu ertrinken, während die Riesenglasfront zum Strand hin den Blick auf ein von Damien Hirst vergoldetes Mammutskelett („The Golden Myth“) freigibt, durch eine gläserne Box vor jedem Wetter, selbst einem Hurrikan geschützt.

Miamis West Side Gallery. Geniale Pilgerstätte für alle Street-Art-Fans.
Miamis West Side Gallery. Geniale Pilgerstätte für alle Street-Art-Fans.Foto: Andreas Conrad

Auch daneben wurde geklotzt: Das benachbarte Apartmenthochhaus, vor dem ein sehr bunter Jeff Koons leuchtet, hat Sir Norman Foster entworfen, und das Kunstzentrum auf der anderen Seite der Collins Avenue stammt von Rem Koolhaas, der bald das KaDeWe veredelt. Insgesamt ein Stadtviertel zum Staunen, selbst wenn die Zimmerpreise normale Geldbeutel überfordern dürften. Sie beginnen irgendwo über 850 Dollar und enden knapp unter 5000.

Wer da nur cool die goldene Kreditkarte zückt, ist auch im Design District goldrichtig. Nördlich der Interstate 195, zwischen Biscayne Blvd und Miami Ave gelegen, ein schon ziemlich weit fortgeschrittenes work in progress, in dem man prima im Luxus schwelgen kann. Topmode, Edeldesign, Galerien, Restaurants – alles da. Aber es ist schon mehr als ein bloßes Shoppingviertel für Wohlhabende. Die Gebäude selbst wie die Geschäfte haben hohen Schauwert, sind nach den Wünschen der Firmen individuell gestaltet. Warenpräsentation ist hier zuallererst eine Frage der Fassade.

"Ryan the Wheelbarrow" erzählt

Im Wynwood Art District, südöstlich der Kreuzung aus Interstate 95 und 195, ist die Fassade sogar das Wichtigste. Architektonisch macht die Gegend nicht viel her: Ehemalige Lager- und Produktionshallen reihen sich hier Block an Block, vor gut zehn Jahren eine üble Gegend, wo Cops, in der Annahme, man habe sich verfahren, einen schon mal stoppten und hinauseskortierten. Heute komme es allenfalls vor, dass ein abgestelltes Auto morgens leer geräumt sei, so erzählt es jedenfalls Ryan Ferrell, genannt „Wheelbarrow“, Künstler und dazu ein begeistert erzählender Führer durchs bunte Reich von Wynwood.

Initiiert durch Tony Goldman, Projektentwickler und Kunstliebhaber, ist den vergammelten Gebäuden neues Leben eingepflanzt worden, durch Galerien, Antiquitätenläden, Restaurants, Bars und sogar drei kleine, auf Craft Beer schwörende Brauereien. Selbst an Feiertagen reißt der Strom der Besucher nicht ab. Im Wynwood Art District nämlich ist Kunst im Überfluss zu bestaunen, tagein, tagaus, 24 Stunden lang - auch eine Folge der Art Basel, die seit 2002 jeden Dezember in Miami gastiert.

East Side Gallery in Berlin? „Wheelbarrow“ hat davon noch nie gehört. Sein Reich ist, wenn man so will, Miamis West Side Gallery: das ganze Viertel ein Murals-Eldorado, eine Pilgerstätte für Street-Art-Freunde. Jede Wand ein Kunstwerk, jede Straße eine Freiluftgalerie, eine Traumlandschaft in Farbe, für die das auch auf bloße Schmierereien angewandte Wort Graffiti nicht mehr so recht passen will. Politische Botschaften wie am Berliner Mauerrest findet man selten, haushohe „Star Wars“-Szenen aber sind willkommen, ebenso eine Comicversion von Picassos „Guernica“ oder auch eine nächtliche Großstadtszene mit allem Drum und Dran.

Vandalismus, Schmierereien? Ja, die gebe es in geringem Maße auch, erzählt „Wheelbarrow“. Es treffe überwiegend Werke, die offenbar als zu kommerziell, als reine Auftragskunst empfunden werden, nicht also die teilweise eigens zur Art Basel entstandenen Meisterwerke.

Dominiert in solchen Vierteln das Neue, Zukunftsgerichtete, so in den Blocks nördlich und südlich der „Calle Ocho“ die Tradition, gegen die sogar ein offizieller Straßenname null und nichtig ist. SW 8th St? Sagt unter den kubanischstämmigen Bewohnern von Little Havanna kein Mensch. Also erst recht keiner der Spieler im „Domino Park“ an der Ecke 15th Ave, die dort, meist männlich und fortgeschrittenen Alters, unter zwei offenen Pavillons von morgens bis abends ihre Spielsteine hin- und herschieben.

Seit Jahrzehnten ist dies ein Treffpunkt der kubanischen Gemeinde, ein gern von Touristenbussen angesteuerter, gleichwohl fortwirkender Kristallisationsort ihrer Identität, ähnlich wie das westlich gelegene Denkmal für die Gefallenen der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht 1961 oder das Tower Theatre gleich neben dem Domino Park. Ein Art-déco-Kino von 1926, in den Sechzigern für viele Exilkubaner ein erster Ort der Einführung in die US-Kultur. Seit 2002 steht es unter der Obhut des Miami Dade College, spezialisiert auf Arthouse.

Miami-Modern-Style. Im "Vagabond Motel" übernachtete schon Sammy Davis, Jr.
Miami-Modern-Style. Im "Vagabond Motel" übernachtete schon Sammy Davis, Jr.Foto: Andreas Conrad

Die Frage, was man nach einem Kinoabend noch anfangen könnte, ist dort leicht beantwortet: Rüber ins „Ball & Chain“! Ein Club mit nicht immer gesetzeskonformer Vergangenheit, Name und Logo, die an eine altmodische Methode der Gefangenenfesselung erinnern, deuten es an:1935 gegründet, anfangs Ort illegaler Freuden wie Glücksspiel und Alkohol, später Bühne für Jazzgrößen wie Count Basie, Billie Holiday und Chet Baker, jahrzehntelang geschlossen, im Herbst 2014 renoviert und neueröffnet, der Umgebung geschuldet im Latino-Stil.

"El Chino" bittet zum Tanz

Wer abends kommt, braucht Geduld: Nur langsam schiebt sich die Schlange dem Eingang entgegen. Vorn an der halbrund überdachten Bühne pulst die pure Lebenslust, schwingen und drehen sich die Paare im Salsa-Rhythmus, Junge, Alte, ein buntes Durcheinander. Und auch dahinter wippt es in den Hüften, werden die Zeilen von „Chan Chan“, dem berühmten Song des „Buena Vista Social Clubs“, lauthals und textsicher mitgesungen: „De alto Cedro voy para Marcané / Llegó a Cueto voy para Mayarí.“

Joaquin Mesa hat ein aufregendes Leben gelebt - und weiß auch heute noch das Beste daraus zu machen.
Joaquin Mesa hat ein aufregendes Leben gelebt - und weiß auch heute noch das Beste daraus zu machen.Foto: Andreas Conrad

Auch Joaquin Mesa, wegen einer chinesischen Großmutter nur „El Chino“ gerufen, hat es an diesem Abend wieder ins „Ball & Chain“ getrieben. Atemlos von der letzten Salsa-Runde? Aber wieso denn, er ist doch erst 80, trinkt nicht, raucht nur, ein ebenso tanz- wie flirtfreudiger Charmeur. Steht noch immer im Geschäftsleben, irgendwas mit Autoscheinwerfern, und muss ein abenteuerliches Leben hinter sich haben, an dem er auch Zufallsbekannte gern teilhaben lässt: Der Vater arbeitete noch fürs Batista-Regime, er selbst für Castro, der ihn als Leiharbeiter nach Sibirien schickte. Von dort – die Umstände bleiben im Nebel – floh er erst nach Kanada, dann trieb es ihn weiter nach Irland, Westdeutschland, Miami.

Es ist nicht ganz einfach, sich mit ihm zu unterhalten. Englisch? Auch nach knapp fünfzig Jahren USA spricht El Chino kein Wort, wozu auch. Er sehe sich als Exilanten, nicht als Immigranten, warte nur auf die Wiederkehr der Freiheit in seiner Heimat, versichert er. Wenn die Castros weg seien, kehre er zurück.

Aber genug geplaudert, schon hat El Chino die nächste Tanzpartnerin ins Auge gefasst. Eine einladende Geste, sie strahlt und nickt, schon schwirrt er davon.

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