Alles läuft nach Plan

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"Nordstjernens" letzte Fahrt : Ab geht die Post

 

Kunst an Bord. Die Emaillereliefs im Salon der "Nordstjernen" schuf 1956 der Maler und Grafiker Paul René Gauguin.
Kunst an Bord. Die Emaillereliefs im Salon der "Nordstjernen" schuf 1956 der Maler und Grafiker Paul René Gauguin.Foto: Reinhart Bünger

An Land ist – neben der noch im Frühjahr winterlichen Kulisse auf Höhe des Polarkreises – gelegentlich durchaus auch Überraschendes zu sehen. So können Passagiere etwa auf Trondenes eine zweifelhafte Sehenswürdigkeit besuchen: die letzte in Norwegen verbliebene und noch voll funktionsfähige sogenannte Adolf-Kanone, benannt nach dem „Führer“. Mit vier Geschützen dieser Bauart sollten die deutsche „Atlantikfestung“ gesichert und die Erzverladestadt Narvik erobert werden. Es wurde bekanntlich nichts draus. Nach dem Ausflug und der Besichtigung dieses furchteinflößenden Geschützes (Reichweite rund 18 Kilometer) gelangen die Passagiere mit dem Bus schließlich nach Harstadt und wieder an Bord.

Hurtigruten-Schiffe sind – von seltenen Pannen abgesehen – notorisch pünktlich. Wichtig ist, dass die Schiffe nach einer Reparatur im richtigen Hafen wieder im Takt einsetzen, damit der Fahrplan nicht durcheinanderkommt. Die Schiffe laufen täglich 34 Häfen an, und sie waren früher allein als Transportmittel für Fracht und Fähre für die Einheimischen gedacht, die von Ort zu Ort kommen wollten – oder mussten. Das ständige An- und Ablegen auf einer Rundreise Bergen–Kirkenes–Bergen, dieser Wechsel von Aufbruch und Ankommen, macht heute für viele Touristen den eigentlichen Reiz der Reise aus. Je kleiner die Häfen, desto mehr Menschen erwarten das Anlegen der Linienschiffe. Dieses Mal stehen viele Familien mit Fähnchen schwenkenden Kindern an Land. Als wir Kristiansund verlassen und an den großen Ankersetzschiffen der Ölplattformen vorbeiziehen, steht ein einsamer Tubaspieler auf der Mole und tutet sein letztes „Farvel“, Lebewohl.

 Nach dem Abendessen trifft sich die Bordgesellschaft im Salon. Viele Deutsche,  die bedeutendste Klientel der Hurtigruten. Darunter wahre Fans. Marion Arm zum Beispiel hat sogar eine Drehscheibe entwickelt, der genau zu entnehmen ist, wann und wo sich Hurtigruten-Schiffe begegnen.

110 000 Touristen genießen in jedem Jahr die gesamte Tour an Bord – ein Mal gen Norden und wieder zurück. Die Hälfte von ihnen sind Deutsche. 300 000 Reisende sind hingegen nur für einen oder zwei Tage an Bord – vor allem Norweger. Sie wollen nur von A nach B, um dort jemanden zu besuchen oder etwas Geschäftliches zu erledigen. Die „Nordstjernen“ ist aus Sicherheitsgründen schon seit Jahren von rollenden Lasten befreit. Güter des täglichen Bedarfs und Ersatzteile aller Art sind die am meisten gen Norden transportierten Güter, auf der Route südwärts ist es vor allem Fisch.

Auch in Rovik begrüßt eine Blaskapelle das Schiff. Doch hier liegt anscheinend besonders viel Wehmut in der Luft. Ein Hurtigruten-Dampfer lief hier erstmalig am 2. Juni 1893 ein – das Datum markiert in Rovik seitdem einen Feiertag. Als wir wieder auslaufen, geben Autofahrer mit ihren Lichthupen der „Nordstjernen“ letzte Signale mit auf die Reise, während die Musiker schon die Instrumente einpacken. Die Zeit läuft bei der Ankunft in Bergen noch einmal ganz langsam: Kleine Fahrt voraus. Die „Finnmarken“, Baujahr 2002, läuft parallel mit in den Hafen ein. Sie wird die Fahrten der „Nordstjernen“ übernehmen. Ein letztes Anlegemanöver. Der Rest ist Geschichte.

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