Reisetagebuch Tag 6 : Brassen im Kanarischen Becken

Die Lage könnte kaum besser sein: An Bord setzt emsiges Treiben ein. Die Passagiere bekommen viel zu sehen. Reinhart Bünger fährt mit der „Sea Cloud“ über den Atlantik. Das exklusive Bordtagebuch.

Unser Reporter Reinhart Bünger berichtet exklusiv von seiner Transatlantikfahrt über seine Erlebnisse an Bord der Sea Cloud.
Unser Reporter Reinhart Bünger berichtet exklusiv von seiner Transatlantikfahrt über seine Erlebnisse an Bord der Sea Cloud.Foto: Hansa Treuhand

Tag 6, Mittwoch, 7. Dezember 2011

Wir brassen. Um 8 Uhr kommt von der Brücke das Kommando zum Brassen. Das ist das erste Mal auf dieser Reise. Zu diesem Zeitpunkt sind alle Rahsegel gesetzt mit Ausnahme des Groß-, Stag- und der Besansegel. An Bord setzt emsiges Treiben ein: Die Crew macht sich an den Seilen, Tampen und Tauen zu schaffen. Alles schaut nach oben. Und dann drehen sich dort tatsächlich die Segel in den Wind. Die Rahen, das sind die Querhölzer an den Masten, werden bei diesem Manöver in ihrer Manschette am metallenen Mast gedreht.

Für die Segler: Wir haben über Steuerbord gebrasst. Für die Nicht-Segler: Es sieht da oben jetzt alles ziemlich windschnittig aus. Nach dem Brassen wird klar Deck gemacht – alles laufende Gut an Deck wird aufgeschossen und auf die dafür vorgesehenen Belegnägel gehängt – Fallen, Schoten, Niederholer, Geitaue und Gordings. Das ganze segeltechnische Programm wird geboten.

 Wir laufen nicht aus dem Ruder. Sowohl der Kapitän der „Sea Cloud“ als auch der Erste Offizier sind begeisterte Segler. Die werden auf der Brücke dringend benötigt, wenn das Segelschiff gebrasst wird – denn der Kurs kann in diesem Fall leicht aus dem Ruder laufen.

 Wir laufen vom Bug zum Heck. Nach einigen Tagen auf See ohne nennenswerten Seegang hat jetzt eine Sportwelle die „Sea Cloud“ erfasst. Viele Mitreisende laufen Viertelstunde um Viertelstunde, umkreisen das Hauptdeck wie eine Möwe auf Beutezug über dem Heckstrudel. Es wird dadurch etwas hektisch an Bord. Einzelne Passagiere ziehen sich zurück. Der Erste Offizier sucht in einem der Rettungsboote ein wenig Ruhe.

 Wir treten mit der Welt wieder in Verbindung. Der Electronic Technical  Officer (ETO), Dejan Orelj aus Serbien, hat „Bezugsscheine“ zur Herstellung von Internetverbindungen ausgeteilt. Der Abverkauf läuft prächtig. „Wenn jetzt auch noch die Handys wieder anfangen zu bimmeln, buche ich kein weiteres Mal eine Reise auf der ,Sea Cloud’ “, beklagt sich ein Stammgast. Das könne durchaus auch im Tagesspiegel-Bordbuch stehen, sagt er. Das Meer ist ruhig, doch dieser Mann schäumt.

 Wir machen uns ein Bild vom Schiff. Eine Mitreisende aus den Vereinigten Staaten hat es geschafft: Sie besitzt jetzt glasklare Bilder von oben auf das fahrende Schiff. Wie sie das nur gemacht hat? Eine fest installierte Kamera am Mast oder ein Fall von Bestechung? Wir dürfen rätseln, doch irgendwann wird es sich aufklären.

 Wir bleiben bei Messing auf der Brücke. Warum sind die Messinstrumente eigentlich aus Messing? Das ist doch sehr aufwendig zu pflegen. Sicher, antwortet die Brückenbesatzung. Aber Messing bringt den Kompass nicht durcheinander. Und so bleibt es auch auf dem Fünf-Sterne-Schiff dabei.

 Wir kümmern uns nicht nur um Männer, die über Bord gehen. Im internationalen Sprechfunkverkehr ist die diskriminierende Bemerkung „Mann über Bord“ Vergangenheit. Es heißt jetzt richtiger „Person über Bord“.

 Wir sehen einen Delphin. Wie bestellt tauchte er um 7 Uhr 15 zum Sonnenaufgang auf, springt aus dem Wasser, taucht wieder ein. Ob er so ein dolles Schiff schon mal gesehen hat? Er bleibt jedoch nicht lange, taucht ganz ab und schwimmt seiner Wege.

 Wir zwingen einen großen Frachter zum Ausweichen. Kurz vor dem Sonnenaufgang wird der Erste Offizier Christian Haas energisch. Er zwingt einen Frachter, der uns in die Quere hätte kommen können, über Funkkanal 16 zum Ausweichen. Großsegler haben schließlich gegenüber Motorschiffen Vorfahrt. Die Brückenbesatzung auf dem  anderen Schiff kennt  die Regel natürlich und gibt nach. Neptun sei Dank. Hätte eng werden können für die „Sea Cloud“.

 Wir werden wieder mit Zeit beschenkt. In der Nacht zum Donnerstag wird die Uhr wieder eine Stunde zurück gestellt. Wir haben die nächste Zeitzone passiert. Der Nachteil: Der Sonnenaufgang am kommenden Morgen ist schon um 6 Uhr 26. Na dann – früh in die Koje. Denn einen Sonnenaufgang sollte man hier nun wirklich nicht verpassen.

Position um 8 Uhr morgens, mitten im Kanarischen Becken:

 28 Grad 57 Minuten Nord

24 Grad, 11 Minuten West

(Die Lage des Schiffes liegt auf einer geografischen Höhe von Kairo (Ägypten) oder auch New Orleans (USA), zirka 610 Seemeilen südlich von Horta/Azoren, zirka 450 Seemeilen westlich von Las Palmas/Gran Canaria)

Kurs über Grund 260 Grad.

 Wassertiefe: ca. 5000 Meter

Außentemperatur: 21 Grad Celsius

Wassertemperatur: 21 Gras Celsius

 Durchschnittliche Fahrt tagsüber unter Segeln: 5,5 bis 6,5 Knoten

Gesegelte Gesamtdistanz bis 8 Uhr früh seit Abfahrt: 978 Seemeilen, davon ausschließlich unter Segeln: 196,4 Seemeilen)

Wind unverändert aus Nordost mit Stärke 3 (zirka 6 Knoten).

Entfernung bis zum Fahrtziel St. John's (Antigua): 2210 Seemeilen.

Gesegelte Entfernung von Dienstag, 6.12.2011 (8 Uhr) bis Mittwoch, 7.12.2011 (8 Uhr):

196.4 Seemeilen

Durchschnittsgeschwindigkeit der „Sea Cloud“ seit Abfahrt: 9 Knoten

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