• Schwedens gescheiterte Integrationspolitik: Explosive soziale Mischung entlädt sich in den Vororten

Mehr als 80 Prozent der Bewohner in Stockholms Vororten sind Migranten

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Schwedens gescheiterte Integrationspolitik : Explosive soziale Mischung entlädt sich in den Vororten
Helmut Steuer
Explosive Mischung: In Vororten wie Husby haben mehr als 80 Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund. Die Jugendarbeitslosigkeit im Land ist hoch. Viele jedoch akzeptieren die Gewalt auch nicht: Anwohner demonstrieren – und organisieren Patrouillen.
Explosive Mischung: In Vororten wie Husby haben mehr als 80 Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund. Die...Foto: AFP

Der konservative schwedische Regierungschef Fredrik Reinfeldt gab diese Woche Versäumnisse der Politik zu. „Was wir jetzt sehen, zeigt, dass wir noch mehr machen müssen“, sagte er. Der Sprachunterricht soll verbessert und mehr Förderklassen in den Schulen geschaffen werden. Der Regierungschef machte aber gleichzeitig deutlich, dass Schweden die Gewaltausbrüche nicht akzeptieren werde: „Das Auto des Nachbarn anzuzünden, ist keine Form der Meinungsäußerung, sondern schlicht und einfach Vandalismus.“

Es ist nicht das erste Mal, dass es in schwedischen Vorstädten zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und den Ordnungskräften kommt. Auch in Göteborg und Malmö gibt es seit Ende der 90er Jahre immer wieder Proteste in den zumeist von Migranten bewohnten Vorstädten. Die jetzige bürgerliche Regierung verschärfte in den vergangenen Jahren bereits die Einwanderungspolitik, an der sozialen Kluft änderte sich nichts. Nach Angaben der Organisation für Wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) gibt es in keinem anderen Mitgliedsland ein so starkes soziales Gefälle wie in Schweden. Allein im vergangenen Jahr kamen etwa 44 000 Asylbewerber nach Schweden. Jetzt denken erste Politiker bereits über eine neuerliche Verschärfung der Einwanderungsgesetze und Asylregelungen nach.

Ob restriktive Gesetze das Problem lösen, ist zu bezweifeln. Denn nach Aussagen von Stadtplanern ist es weniger die Anzahl der Migranten, sondern die missglückte Integrationspolitik, die zu den sozialen Unruhen geführt hat. In den Stockholmer Vororten haben mehr als 80 Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund. „Wir müssen diese Ghettobildung bekämpfen“, sagt ein Stockholmer Kommunalpolitiker. Der Großteil der Migranten kommt aus dem Irak, dem Iran, der Türkei und einigen afrikanischen Ländern. Auch Lateinamerikaner wandern nach wie vor zahlreich nach Schweden zu.

Der erzürnte Feuerwehrmann übrigens hofft, dass sich die Lage in den kommenden Nächten entspannt – so, wie es in der Vergangenheit auch passiert ist. Auch die älteren Bewohner von Husby wollen sich ihren Stadtteil nicht zerstören lassen und haben seit der Nacht auf Donnerstag eigene Patrouillengänge organisiert. „Wir sprechen mit den Jugendlichen und versuchen, sie davon zu überzeugen, dass sie sich selbst und uns allen sehr schaden“, sagt Julia, eine Chilenin, die seit mehr als 20 Jahren zusammen mit ihrem Mann und den drei Kindern in Husby lebt.

Auch Ahmed Guneri wird die Nacht zu Donnerstag so schnell nicht vergessen. Der 42-Jährige betreibt in Husby seit 12 Jahren ein kleines Restaurant, das vor allem bei den Anwohnern des zumeist mit grau-tristen Wohnsilos bebauten Stadtteils im Südwesten Stockholms beliebt ist. Aber in der Nacht machten dicke Rauchschwaden von brennenden Reifen in der Straße vor Guneris Restaurant die Luft schwer, beißender Rauch von verbranntem Gummi das Atmen fast unmöglich. Durch das Fenster seines Restaurants beobachtete Guneri, wie mehrere Jugendliche Feuerwehrleute mit Steinen bewarfen und beim Löschen behinderten. „Ich habe so etwas noch nie hier erlebt“, sagt Guneri am Morgen danach. Er klingt niedergeschlagen und fassungslos.

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