Angeln am Plauer See : Der Mann mit der Rute

Köder präparieren, Wassertiefe ermitteln, ewig warten. Das alles fällt unserem Autor bei seinem ersten Angeltrip leicht. Doch dann muss er die Fische auch noch töten.

Jan Borek ist hier aufgewachsen und schon als Kind mit seinem Vater rausgefahren.
Jan Borek ist hier aufgewachsen und schon als Kind mit seinem Vater rausgefahren.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Das Gefährlichste an der Angelei ist der Haken. Für den Fisch sowieso. Aber auch für den Menschen. Sagt Jan Borek und braucht es nicht lange zu erklären. Ich erinnere mich gut, wie ich mal auf einer portugiesischen Hafenmole stand und plötzlich so ein Ziehen im Schritt verspürte. Wir waren beide sehr überrascht, der Angler, der rückwärts beherzt zum Wurf ausgeholt hatte. Und ich, der unter reger Anteilnahme der ansässigen Bevölkerung den Widerhaken zum Glück nur aus der Hose pulen musste.

Seitdem wahre ich zu Angelhaken eine möglichst große Distanz. Aber heute geht das nicht, heute will ich einen Fisch fangen. Mir zur Seite steht Jan Borek aus Plaue bei Brandenburg an der Havel. Den Chef des dortigen Angelladens „Fishing Pro“ kann man buchen, damit er selbst Anfängern erklärt, wie das funktioniert. Borek, 39 Jahre alt, T-Shirt, braune Funktionshose und Sonnenbrille, die er lässig über den Schirm seines Basecaps geschoben hat, ist ein Profi.

Ohne ihn dürfte ich keinen Haken ins Wasser des Plauer Sees halten – um Missverständnissen vorzubeugen: nicht den in Mecklenburg, sondern den in Brandenburg. Das wäre nämlich Fischwilderei, ein Straftatbestand, und zwar nicht nur hier, wie Borek mit strengem Blick erklärt. Um seine Rute auswerfen zu dürfen, braucht man einen Fischereischein und eine Angelkarte für das jeweilige Gewässer.

Bereit für das Friedfischangeln

Den Schein bekommt man nicht ohne Prüfung, bei der dann Sachen gefragt werden wie: „Wozu dienen die Barteln?“ Wer weiß das schon auf Anhieb, weshalb man sich besser vorbereitet, beispielsweise mit einem Abendkurs bei Borek im Laden. Die Barteln übrigens sind diese Fäden, die vielen Fischen ums Maul herum hängen und ihnen als Tast- und Geschmacksorgane dienen.

Zum Glück gibt es aber noch eine Light-Version, für Leute, die das nur mal ausprobieren wollen, ohne sich gleich einer Prüfung zu unterziehen. Man kauft eine Angelkarte, bezahlt die Fischereiabgabe, und schon ist man bereit für das Friedfischangeln. Räuber wie Zander und Hecht sind damit freilich tabu. Macht nichts, ich würde sie mit der einfachen Rute, die Borek für mich bereithält, sowieso nicht fangen.

Das ist natürlich schade, denn der Plauer See, aus Berliner Sicht hinter der Stadt Brandenburg gelegen, wird von der Havel durchflossen und gilt als exzellentes Revier, wenn man scharf auf die großen Brocken ist. Borek zeigt gern ein paar Fotos, auf denen er kapitale Exemplare in die Kamera hält. Das Größte, was er hier mal rausgezogen hat, war ein Wels, 2,18 Meter lang und 80 Kilo schwer. Mag der auch ungefährlich sein, als Schwimmer will man dem eigentlich nicht begegnen.

Wie gesagt, alles tabu. Es sei denn, erzählt Borek, ein Hecht würde sich just in dem Moment in ein Rotauge verbeißen, in dem ich Letzteres aus dem Wasser ziehe. Während ich noch darüber nachdenke, ob das jetzt ein Anfall von Anglerlatein war, öffnet Borek seine Büchsen. Darin befinden sich ein paar Maden, Maiskörner und eine schwer zu identifizierende Mehlpampe. Mais und Made werden mein Köder sein. Alles andere, tote Fische oder künstliche Köder, vor allem die sollen ja unverzichtbar sein, wenn man auf den Hecht geht, ist für mich verboten.

Geduld ist gefragt

Dann zeigt er mir die Angel. Eine sogenannte Stipprute, ein einfaches Ding, ohne viel Schnickschnack, aber überraschend lang, sechs Meter, um genau zu sein. Wenn sie nicht aus Karbon wäre, und deshalb nur 145 Gramm wöge, könnte man sie nicht so leicht handhaben. Es folgt die nächste Lektion: die Wassertiefe vor der Kaimauer ermitteln, an der wir den ersten Fischzug unternehmen.

Es ist eine schöne Stelle. Gegenüber dümpeln ein paar Jachten im Plauer Hafen. Hinter uns steht die ein wenig marode, dabei aber immer noch imposante Fassade des Plauer Schlosses. Nebenan haben ein paar Spaßvögel eine Schaufensterpuppe ins Schilf gestellt. Sie ist nur mit einer Badehose bekleidet, sieht aus den Augenwinkeln erschreckend echt aus. Borek lässt den mit einem Stück Blei beschwerten Haken auf den Seeboden sinken und stellt anschließend die Pose, einen an der Angelschnur befestigten Schwimmer, so ein, dass der Haken knapp über dem Grund hängen wird. Dort befindet sich nämlich das Revier der Rotaugen, manche nennen sie auch Plötze.

Dann kommt etwas, was ich zunächst für eine unfaire Form massiver Bestechung halte, in der Friedfischerei aber offenbar vollkommen legitim ist: Borek formt aus seiner Mehlpampe kleine Teigbällchen und wirft sie ins Wasser. Ich spieße derweil Made und Maiskorn auf den Haken, schon geht es los. Vorsichtiger Blick nach hinten, und mit einem Schwung aus dem Handgelenk schleudere ich Haken und Pose ins Wasser.

Nun ist Geduld gefragt. Erst einmal passiert nämlich nichts. Doch während er noch erklärt, dass es natürlich immer besser ist, wenn man schon im Morgengrauen startet, weil sich die Fische nach der Nachtruhe um ihr Frühstück kümmern, dippt die Pose kurz unter Wasser.

„Wir angeln nicht einfach nur aus Spaß“

Jetzt heißt es mit dem Handgelenk rucken, dann hängt der Fisch am Haken. Anschließend geht es darum, ihn nicht zu schnell und nicht zu langsam aus dem Wasser zu ziehen. Theoretisch wenigstens, denn der Haken ist leer. Das Tempo ist immens wichtig, zögert man mit dem Rucken zu lange, ist er weg. Zu starkes Rucken fügt dem Fisch unnötige Verletzungen zu.

Inzwischen haben sich ein paar ältere Herren eingefunden, die mich aufmerksam beobachten. Ein lässiger Wurf, und schon beim zweiten Mal klappt es besser. Der Fisch hängt am Haken, ein ziemlich kleines Rotauge. Traurige Fischaugen blicken mich an. Borek löst den Fang vorsichtig und entlässt ihn ebenso vorsichtig wieder in den Plauer See. Das findet zwar meinen Beifall, weil mich ganz plötzlich ein schlechtes Gewissen plagt. Aber ist es nicht Sinn der Sache, den Fisch heute zu verspeisen?

„Der Angler“, beginnt Borek zu dozieren, „darf den Fisch nicht fangen, um ihn etwa zu veräußern, sondern nur zur eigenen Verwendung.“ Die Verwendung ist wichtig, selbst wenn beim Angeln natürlich so etwas wie der Jagdinstinkt geweckt wird. „Wir angeln nicht einfach nur aus Spaß“, versichert Borek. Fische, die nicht verwendet werden können, weil sie zu klein, zu alt oder zu jung sind, werden zurückgesetzt. Das Tier im hohen Bogen zurückzuschmeißen, ist auch tabu. Denn das hieße, es unnötigem Stress auszusetzen, ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz.

Den Einwand, dass es für den Fisch eine ziemliche Qual sein muss, so wehrlos am Haken zu hängen, lässt Borek nicht gelten. Die meisten Experten gingen davon aus, dass der Fisch kein Schmerzempfinden hat. Außerdem würden wir nicht beliebig viele Fische aus dem See ziehen. Bei Edelfischen etwa gelte die Regel: nur einer am Tag. Der Fisch in seinem natürlichen Revier habe es allemal besser als das Mastvieh. Dessen Haltung sei doch die ungleich größere Qual, verglichen mit dem kurzen Moment am Haken des Anglers.

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