"Ich habe mit der Institution Kirche relativ wenig am Hut"

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Bassbariton Thomas Quasthoff : "Eine schöne Stimme reicht nicht"
Der Sämger Thomas Quasthoff (55)
Der Sänger Thomas Quasthoff (55)Foto: Bernd Brundert

Haben Sie ein Lieblingslied zu Weihnachten?
Ich mochte die amerikanischen sehr gern, weil die zwar ein bisschen kitschig sind, aber doch entspannter als diese protestantischen deutschen. Wir haben viel Bing Crosby, Dean Martin gehört.
Gibt es ein Weihnachtserlebnis, das Ihnen besonders in Erinnerung ist?
Nee. Sie dürfen eins nicht vergessen, ich bin ja lange im Internat gewesen. Und da war Weihnachten immer etwas Besonderes. Weil ich über eine längere Zeit zu Hause sein konnte.
Wann waren Sie im Internat?
Ich bin mit neun Monaten das erste Mal von zu Hause weg, weil meine Füße nach hinten standen und ich eineinhalb Jahre im Streckverband gelegen habe. Später mit Unterbrechungen in der Grundschule bis zur dritten Klasse.
Und dann, nach dem Gänsebraten und den Geschenken, sind Sie in die Kirche gegangen?
Meine Eltern waren keine großen Kirchgänger, auch ich habe mit der Institution Kirche relativ wenig am Hut.
Sie haben schlechte Erfahrungen gemacht?
Ach, ich will darüber eigentlich gar nicht reden. Ich bin meinen Weg gegangen, ich habe keinen Grund, schmutzige Wäsche zu waschen. Das gilt auch für die Kirche. Ja, es gab eine konkrete Situation, kurz nach meiner Geburt. Da hat ein Pfarrer zu meinem Vater gesagt: Stimmt es, dass du einen Krüppel zum Sohn hast? Mein Vater hat nur geantwortet: Ich habe keinen Krüppel zum Sohn, ich habe einen körperbehinderten Sohn. Aber ich wehre mich dagegen, alles über einen Kamm zu scheren. Es gibt in jedem Beruf schwarze Schafe, warum soll das bei Pastoren nicht genauso sein?
Glauben Sie an Gott?
Eher nicht. Ich bin ein zu rationaler Mensch, um an die Jungfrauengeburt zu glauben. Ich glaube an eine höhere Institution, und ich glaube an die Liebe. Ich durfte in meinem Leben immer wieder erfahren, dass menschliche Nähe und Liebe nicht nur Worte sind, sondern dass sie auch gelebt werden. Ich erlebe diese Liebe jeden Tag mit meiner Frau und meiner Stieftochter, und ich möchte meinen Hund dabei nicht vergessen. Aber an Gott glauben? Wissen Sie, wenn man sich die Welt so anguckt, dann fällt mir das schon schwer.
Man sagt immer, heute wird weniger gesungen als früher, nicht nur an Weihnachten. Stimmt das?
Definitiv. Es gibt ja jetzt sogar Kindergartenausbildung, in der nicht mehr gesungen wird. Ein absolutes Unding! Gruselig! Die Politik guckt zu. Die Hirnforschung sagt, dass Musik ein wesentlicher Bestandteil der frühkindlichen Entwicklung ist. Es ist nachweisbar, dass Menschen, die viel mit Musik zu tun haben, in ihrem seelischen und gesundheitlichen Gleichgewicht besser dastehen.
Was würden Sie tun, wenn Dieter Bohlen Sie in seine Jury einladen würde?
Ich würde nicht hingehen. Speziell diese Sendung ist damit verbunden, Menschen vor einem Millionenpublikum zu diskreditieren. Es wird inflationär mit Wörtern wie Superstar umgegangen. Ein Superstar ist einer, der es schafft, 40 Jahre oder länger in diesem Beruf top zu sein. Ich habe das Glück gehabt, einen Mann wie Sammy Davis Jr. live zu erleben, der trat auf, und ich wusste, der hätte nach zwei Minuten auf die Bühne pinkeln können, das hätten die Zuschauer auch okay gefunden. So eine Ausstrahlung hatte dieser Mann. Das sind für mich Superstars.

Können Sie einem Laien erklären, was der Unterschied zwischen einem Thomas-Quasthoff-Gesang und einem Hansi-Hinterseer-Gesang ist?
Um singen zu können, wie ich gesungen habe, brauchen Sie eine mindestens fünf- bis sechsjährige Ausbildung. Die Stimmbänder sind ja Muskeln, die trainiert werden müssen, jeden Tag. Herr Hinterseer muss nicht einen Tag üben. Der muss höchstens Texte lernen und sich diese relativ primitiven Melodien im Walzertakt aneignen.
Wenn jemand so wie Sie viel erreicht hat – ist eigentlich Ihre ganze Karriere auch ein Anrennen gegen die Behinderung gewesen? Man sagt ja, klein gewachsene Menschen sind besonders ehrgeizig.
Das ist ein Klischee: Wer schwerbehindert ist, muss leiden, muss traurig sein, schwierig, humorlos, verbittert. Das alles war ich nie. Selbstverständlich habe ich Leidenszeiten gehabt, zum Beispiel in der Pubertät, als alle mit Mädchen anfingen und ich erst mal in die Röhre guckte. Ich würde Sie anschwindeln, wenn ich sagte, das hätte mich kalt gelassen. Aber ansonsten hatte ich nie das Gefühl, gegen etwas ankämpfen zu müssen. Wenn ich heute mein Leben betrachte, bin ich sehr zufrieden. Ich habe eine ganz, ganz tolle Frau an meiner Seite.
Was macht die beruflich?
Sie arbeitet in einem Goldschmiedeladen und war zuvor Journalistin. Wir haben uns bei der Talk-Sendung „Riverboat“ kennengelernt. Ich bin mit ihr seit acht Jahren verheiratet, Tendenz bleibend. Außerdem habe ich keine finanziellen Sorgen, und ich darf immer noch auf der Bühne stehen. Ich glaube, ich habe nicht alles verkehrt gemacht.

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