Lässt sich das Horn beherrschen?

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Berliner Philharmoniker : Star-Hornistin Sarah Willis: „Wir Bläser sind wie Hochleistungssportler“
Sarah Willis, Hornistin der Berliner Philharmoniker.
Sarah Willis, Hornistin der Berliner Philharmoniker.Illustration: Lena Petersen

Sagt Ihnen die „Tiger Mom“ etwas, die chinesischstämmige Amerikanerin Amy Chua, die ihre beiden Töchter zwang, Klavier und Geige zu spielen?

Nein, aber wenn ich von diesen chinesischen Kindern höre, die stundenlang allein in einem Zimmer üben müssen – furchtbar. Kinder wollen oft nicht üben, aber dann sind die Lehrer nicht gut. Oft muss man Kinder in ein Jugendorchester bringen, unter Gleichaltrige, dann macht ihnen das Üben wieder Spaß. Kinder mit Musik vertraut zu machen, das ist neben einer zweiten Sprache das beste Geschenk, das Eltern einem mitgeben können.

„Seele des Orchesters“ nannte Robert Schumann das Horn. Stimmen Sie zu?

Das Horn ist so vielseitig. Es kann schmettern wie ein Jagdhorn und mit den Bläsern mithalten. Aber es kann auch einen dünnen silbrigen Ton haben und sich den Holzbläsern anverwandeln. Wenn ein Horn ein Solo hat, so wie in der 5. Symphonie von Tschaikowsky, dann geht einem das Herz richtig auf. Oder eben nicht, wenn man den falschen Ton erwischt.

Ihr Lehrer Fergus McWilliam sagt, das Horn wird man nie beherrschen. Ist das nicht frustrierend?

Musiker sind ehrgeizig, wir brauchen das Gefühl, dass jeder Tag anders ist, auch wenn die Töne gleich sind. Ich werde nie das Gefühl haben, mein Instrument zu beherrschen, und das ist das Schöne. Das Streben nach Perfektion, das das Scheitern miteinschließt.

Gescheitert sind Sie nicht, 1991 kamen Sie an die Lindenoper. Wie war das?

Ich war damals, kurz nach der Wende, nicht nur die erste weibliche Hornistin, ich war auch die erste aus dem Westen. Geholfen hat mir, dass ich durch meine fünf Jahre Moskau Russisch konnte und mit der Mentalität vertraut war. Am Wochenende fuhren alle in ihre Datschen zum Grillen, und wenn wir auswärts waren, hat man das Essen mitgenommen, anstatt welches zu kaufen. Die Instrumentenkisten, die wir auf einer Japantournee dabeihatten, waren voller Büchsen mit Salami.

Bei den Philharmonikern sind Sie die erste Frau bei den Blechbläsern, einer absoluten Männerdomäne.

Ich war vielleicht die erste Frau, aber ich bin auf keinen Fall die letzte. Es hat sich alles unheimlich geändert. Gerade hatte ich eine Masterclass in Taipeh, da haben nur Hornistinnen vorgespielt. Auch habe ich nie schlechte Erfahrungen gemacht oder sexistische Sprüche abbekommen.

Die Hornistin Marie-Luise Neunecker sagte über ihren Berufseinstieg: „Erst kam der deutsche Mann in der Hierarchie, dann der ausländische Kollege, dann die deutsche Frau, dann die ausländische.“

Früher war es so, ja. An der Staatsoper musste ich kämpfen. Ich musste beweisen, dass ich nicht nur eine gute Musikerin, sondern auch eine gute Kollegin bin. Als ich mich 2001 bei den Berliner Philharmonikern bewarb und beim Probespiel gegen einen Deutschen antrat, war ich mir sicher, der kriegt die Stelle. Warum sollten die eine englische Frau nehmen, wenn es einen deutschen Mann gibt? Als ich rausging, habe ich ihm gratuliert. Doch es kam anders.

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