Britische Äthiopienexpedition : Das Empire schlägt zurück

Um der Welt zu beweisen, dass sie immer noch eine Macht sind, greifen die Briten 1868 Äthiopien an. Es ist eine gigantische Materialschlacht.

Der britische Sturm auf die äthiopische Bergfestung Magdala fand am 13. April 1868 statt.
Der britische Sturm auf die äthiopische Bergfestung Magdala fand am 13. April 1868 statt.Foto: imago

Die Kneipe hieß „Theodor II.“ und war eigentlich nur eine Bretterbude für Matrosen und Soldaten. Aber der Wirt mixte als Einziger an der trockenheißen Küste Eritreas Eiswürfel in seine Drinks. Was im Frühjahr 1868 nicht nur hier ein gutes Argument war.

Eiswürfel! Auf der Londoner Weltausstellung sechs Jahre zuvor wurden Eismaschinen noch als völlig neue Erfindung bewundert. Jetzt gehörten sie zur Ausrüstung einer der größten Militärexpeditionen des 19. Jahrhunderts. Ein Unternehmen, das den britischen Steuerzahler sechs bis neun Millionen Pfund kostete, was in heutiger Kaufkraft bis zu neun Milliarden Euro entspricht.

Das britische Empire machte mobil gegen ein fast vergessenes afrikanisches Königreich. Um es zu besiegen, bot die führende Industriemacht alles auf, was moderne Technik damals hergab: Ostafrikas erste Eisenbahnlinie, Telegrafie, Lazarettdampfer und Raketenbatterien. Der Feldzug nahm geradezu absurde Dimensionen an, tatsächlich sollte er die Geschichte Äthiopiens verändern. Wenn auch ein wenig anders als erwartet.

Der von Gott erwählte König der Könige

Für eine Kneipe war der Name „Theodor II.“ natürlich ein Witz. Einer, wie ihn Europäer gern auf Kosten jener Völker machen, die sie für unterlegen halten. Weil die keine Eiswürfel herstellen können. Und keinen gekühlten Weißwein ausschenken, „ächten Johannisberger“ oder „Liebfrauenmilch“ zum Beispiel, wie ein preußischer Militärbeobachter notierte.

Gemeint war Theodor II., Herrscher über Abessinien, „der von Gott erwählte König der Könige“. So hatte er sich selbst vorgestellt, in einem Brief an Königin Victoria von England, „welche alle Christen liebt“. Das hoffte Theodor zumindest, als er die Queen im fernen London daran erinnerte, wie der Islam das älteste christliche Königreich der Welt bedrängte, gelegen im heutigen Äthiopien.

Theodor sah sich als Erbe einer Tausende Jahre alten Monarchie. In einem inneräthiopischen Bürgerkrieg hatte er über alle Konkurrenten gesiegt und beabsichtigte nun, das Land in die moderne Zeit zu führen. Indem er die Sklaverei abschaffte und europäische Experten engagierte.

Depeschen waren monatelang unterwegs

Doch Äthiopien war irgendwie in Vergessenheit geraten. Rund 400 Jahre zuvor hatten noch äthiopische Gesandte am Hof des Papstes gesessen. Inzwischen verfolgten die Europäer ganz andere Interessen. Vor allem die Briten wollten sich mit dem Osmanischen Reich arrangieren. Denn das gebot in den 1860er Jahren wenigstens formal über Ägypten, wo gerade der Suezkanal entstand. So kam es, dass Theodors Brief zwar London erreichte, dort aber in irgendeiner Stube des Auswärtigen Amtes liegen blieb.

Theodor II., ein Mann von 39 Jahren, der zuweilen zum Jähzorn neigte, machte den britischen Gesandten persönlich dafür verantwortlich, dass die Antwort aus London ausblieb. Er ließ ihn in Ketten legen. Auch die Missionare, die die orthodoxen Äthiopier bekehren wollten, erklärte er zu Gefangenen, ebenso wie die europäischen Handwerker, von denen einige seit Jahren in seinem Reich lebten, dort sogar Familien gegründet hatten – unter ihnen etliche Deutsche. 30 bis 40 europäische Geiseln waren nun in Theodors Gewalt.

Depeschen zwischen Äthiopien und London waren monatelang unterwegs. Die Verhandlungen, geprägt von Missverständnissen und kulturellen Differenzen, zogen sich also ewig hin, begleitet von der ungeduldigen britischen Presse.

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