DDR-Raumfahrer im Interview : Kosmonaut Sigmund Jähn: „Eigentlich bin ich ein Waldmensch“

40 Jahre liegt sein Flug ins All zurück, noch immer bekommt er stapelweise Fanpost. Sigmund Jähn über seinen Freund Alex Gerst, Ufos und 16 Sonnenaufgänge am Tag. Ein Interview.

Sigmund Jähn aufgenommen nach seinem erfolgreichen Flug mit dem sowjetischen Raumschiff Sojus 31 im August 1978.
Sigmund Jähn aufgenommen nach seinem erfolgreichen Flug mit dem sowjetischen Raumschiff Sojus 31 im August 1978.Foto: pa/dpa

Herr Jähn, waren Sie ein wenig neidisch, als Alexander Gerst neulich zur Internationalen Raumstation aufbrach?

Nein, ich bin doch Realist, und für so einen Flug komme ich natürlich nicht mehr infrage. Aber ich war in Baikonur dabei, wie schon bei Gersts erstem Start. Ich kann Ihnen Bilder auf meinem Telefon zeigen, gucken Sie mal hier.

Auf dem Foto sind die Triebwerke einer Rakete von unten zu sehen.

Ich war in diesem Loch, wo die Rakete schließlich gezündet wird. Da darf kaum jemand hin. Das große Theater ging los, die Rakete wurde aus dem Werk gezogen, die Gäste warteten. Plötzlich legt mir ein Ingenieur, den ich kenne, er wird so alt sein wie ich, seine Hand auf die Schulter. Komm mit, sagt er, wir gehen mal unten rein! Außer uns war nur der Chefkonstrukteur dabei. Wenn du behandelt wirst wie einer, der dazu gehört – da freust du dich. Es wird wahrscheinlich das letzte Mal gewesen sein, dass mich dort noch Leute kennen.

Auf Ihrer Anrichte steht ein Buch über Gerst, mit einer persönlichen Widmung: „Dein Freund Alex“.

Er hat mich gebeten, das Vorwort zu schreiben, und auch meine Einladung nach Baikonur geht wohl auf ihn zurück. Alex ist ein kluger, ehrlicher Mann, mit ganz viel Emotion.

Sigmund Jähn

Sigmund Jähn, 81,war vor 40 Jahren der erste Deutsche im Weltall. Am 26. August 1978 flog er mit seinem sowjetischen Kollegen Waleri Bykowski zur Raumstation Saljut 6, in der er eine Woche verbrachte. Die Mission war Teil des „Interkosmos“-Programms, mit dem Moskau die sozialistischen Bruderstaaten in die Erforschung des Alls einband. Für die DDR war Jähns Erfolg ein Triumph über den Westen. Der Kosmonaut wurde zur Propagandafigur: Schulen und Freizeitzentren wurden nach ihm benannt, und er trat scheinbar endlos auf Veranstaltungen auf. Bodenständig und bescheiden, wurde er jedoch zum echten Sympathieträger.
Jähn, geboren 1937 im sächsischen Morgenröthe-Rautenkranz, lernte zunächst Buchdrucker. Später holte er das Abitur nach und wurde Kampfpilot. Unmittelbar vor dem Ende der DDR bekleidete er den Rang eines Generalmajors. Nach der Wende wurde er Kontaktmann der europäischen Raumfahrtagentur nach Russland.
Das Interview findet in Jähns Haus in Strausberg bei Berlin statt. Zunächst im Wohn-, dann im Arbeitszimmer: Dort hängen an der Tür Fotos der Enkelkinder und an den Wänden große Geweihe –
der Kosmonaut ist begeisteter Jäger. Anlässlich des Jubiläums findet am 30. September im Schloss Neuhardenberg eine Veranstaltung mit Sigmund Jähn statt.

Sind Sie jetzt in Gedanken bei ihm und wissen jeden Tag genau, was er im All tut?

Ehrlich gesagt komme ich dazu gar nicht. Allein die vielen Briefe, die mich erreichen. Es gehört sich, dass man antwortet, und die meisten sind auch so nett geschrieben. Eigentlich ist das nicht zu beherrschen. Man denkt, es lässt nach, aber dann kommen wieder neue. Vergangenes Jahr zu meinem Achtzigsten brachte der Briefträger zwei, drei Tage lang richtige Stapel. Gelesen habe ich alles, aber man muss sich ja Gedanken machen. Deshalb ist ein Großteil noch unbeantwortet.

Sie deuten mit Ihrer Hand einen halben Meter hoch. Was schreiben Ihnen die Leute?

Direkte Liebeserklärungen von jungen Frauen sind nicht dabei. Manche möchten nur ein Autogramm, das geht leicht über die Bühne. Andere wollen mir sagen, wie sehr sie sich über meinen Flug gefreut haben. Vor allem Leute aus dem Osten, ich bin ja ein Überbleibsel der DDR. Doch es sind auch viele Westdeutsche dabei.

In den kommenden Wochen werden Sie vermutlich wieder Unmengen an Briefen erreichen. Vor 40 Jahren, am 26. August 1978, starteten Sie als erster Deutscher ins All, verbrachten eine Woche auf der sowjetischen Raumstation Saljut 6. Wie feiern Sie das?

Es wird eine Veranstaltung geben, unter anderem mit dem russischen Bordingenieur unserer damaligen Besatzung, und zwar in der Raumfahrtausstellung in Rautenkranz ...

... Ihrem Heimatdorf im sächsischen Vogtland. So halten Sie das seit jeher bei den Jubiläen?

Ach wo. Wenn man dran denkt, trinkt man mal ein Glas Bier oder einen Schnaps. Gern erinnere ich mich an den 25. Jahrestag, das war eines meiner schönsten Erlebnisse. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hatte eine Feier in Markneukirchen organisiert.

Rund 25 Kilometer von Ihrem Heimatort entfernt.

Dort gab es eine entsprechende Halle. Der damalige Bundespräsident Johannes Rau kam vorher mit dem Hubschrauber zur Rautenkranzer Ausstellung. Auch große Leute aus Dresden waren anwesend, und alle von denen glaubten, dass sie danach im Hubschrauber weiterfliegen könnten. Die Zeit war so getaktet, dass sie sonst früher mit dem Auto hätten losfahren müssen. Aber Rau hat gesagt: Mit mir fliegen der Jähn und der Bürgermeister. Eine Stunde hat er mit uns geredet. Ihm gegenüber habe ich höchste Achtung empfunden.

In der DDR galt Ihre erfolgreiche Mission als Beweis für die Überlegenheit des sozialistischen Systems. Sie selbst wurden zur Propagandafigur. Hatten Sie das Gefühl, eine Rolle spielen zu müssen?

Nicht in dem Sinne, dass ich ein Parteipropagandist gewesen wäre. Schon während der Ausbildung im Sternenstädtchen bei Moskau wurden wir aber darauf vorbereitet, in die Öffentlichkeit zu gehen. Zum Beispiel mit Frage-Antwort-Spielen nach einem möglichen Flug. Mir war das alles egal. Die Aussicht, ins Weltall zu fliegen, war so reizvoll, da musste ich nicht abwägen.

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