Die ehemalige Fabriketage nennt er sein "kleines Atelier"

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Der britische Musiker wohnt jetzt in Berlin : Neukölln ist Trickys Welt
Tricky lebt eher zurückgezogen. Als er neulich in einem Café erkannt wurde, ging er nicht wieder hin.
Tricky lebt eher zurückgezogen. Als er neulich in einem Café erkannt wurde, ging er nicht wieder hin.Foto: Mike Wolff

Zuletzt erwog er, sich in London niederzulassen. Aber sein Manager schüttelte den Kopf und sagte, es sei eine gute Stadt für Leute, die sich für Mode interessierten und vor Clubs fotografieren lassen wollten, Arm in Arm mit Musikmanagern, um eigene Songs im Radio gespielt zu bekommen. Wolle er auf einmal Teil einer Szene sein, da es ihm doch immer egal gewesen sei? Der Manager hatte Recht.

Tricky bewohnt jetzt in der Nähe des S-Bahnhofs Hermannstraße ein „kleines Atelier“, wie er die ehemalige Fabriketage nennt. Hinterhof. Kaum möbliert. Er habe keine Besitztümer, sagt Tricky, außer einem Sandsack zum Boxen, eine Goldkette und Klamotten, davon allerdings einige. Sogar sein Kühlschrank sei leer. Er kauft jeden Tag von neuem ein.

Als Musiker ist Tricky heute wieder so produktiv wie zu Beginn seiner Karriere. Berlin besänftigt seine Dämonen aus der Vergangenheit. Tricky, der unerwünschte Sohn: Zurückgesetzt und verlassen musste er sich vorkommen, nachdem seine Mutter Maxine Suizid begangen hatte. Da war er vier Jahre alt. „No time to crawl / ’Cause my mother go / To the other side / She chose suicide“, singt er auf seinem neuen Album „Skilled Mechanics“, das vergangene Woche erschienen ist. Und wenn das weniger zornig klingt als in vergangenen Phasen, dann weil es für ihn „nichts zu bedauern“ gibt.

Bowies Namen zu erwähnen, ist keine gute Idee

An West-Berlin mochte David Bowie 1977, dass er sich unbehelligt bewegen konnte. Und er nahm sogar einen Song namens "Neukoln" auf, den anzuhören Tricky an Neukölln "bei Nacht" erinnert. Aber Bowies Namen zu erwähnen, ist keine gute Idee. Nicht jetzt. Dessen Tod habe ihn umgehauen, sagt Tricky und schluckt schwer. Wer steckt schon ungerührt weg, von Bowie selbst als derjenige verherrlicht zu werden, der seine Nachfolge antreten könnte? „Ich glaube nicht, dass ich mich je bei ihm für das bedankt habe, was er für mich getan hat. Ich meine, man braucht kein Bowie-Fan zu sein, um zu kapieren, dass ein Artikel von ihm über einen selbst eine großartige Sache ist, oder?“

Auch, wenn die Sache mit der Nachfolge gar nicht in Trickys Sinne war. „Die Anonymität zu verlieren, ist das Schlimmste, was einem passieren kann“, sagt er, „vollkommen unnatürlich. Ich will meine Musik machen, ohne dass mir Popularität in die Quere kommt.“

Meistens bleibt er in seinem Revier unerkannt. Als er in einem Café einmal von dem dortigen Hipster-Publikum dennoch identifiziert wurde, mied er es fortan.

Bowie war nicht der einzige Popstar, den es nach West-Berlin verschlug. Sein Kompagnon Iggy Pop war eine Zeitlang mit ihm da. Anfang der 80er folgten Nick Cave, der – von London gelangweilt – auf der Suche nach einer inspirierenden Szene war, sowie Martin Gore von Depeche Mode. In den 90er Jahren waren es U2, DJs wie Ricardo Villalobos und die kanadische Clique um Chilly Gonzales, mit Feist und Peaches, die in abbruchreifen Häusern in Mitte lebten und schnell kapierten, dass ihr Tatendrang kaum auf Widerstand stoßen würde. In den Nullerjahren kamen Musiker wie der Songwriter Erlend Oye, sie blieben nur kurz.

Berliner nehmen Abschied von David Bowie
Eine Trauerfeier für den verstorbenen Popstar David Bowie fand am Freitag in den ehemaligen Hansa-Studios in Berlin-Kreuzberg statt.Weitere Bilder anzeigen
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15.01.2016 15:53Eine Trauerfeier für den verstorbenen Popstar David Bowie fand am Freitag in den ehemaligen Hansa-Studios in Berlin-Kreuzberg...

„Berlin ist eine visuelle Stadt“, sagt Tricky. „Man kann Botschaften auf Mauern lesen, ich meine, man kann ein Sofa auf dem Gehweg stehen sehen, daneben einen Fernseher und eine Stehlampe. Als würde die Einrichtung einer Wohnung, wenn man sie nicht mehr braucht, auf der Straße einfach zur Einrichtung aller. Totales Chaos. Gleichzeitig drückt das aber auch eine gewisse Gelassenheit aus.“

Trickys Berlin ist ein noch nicht gentrifiziertes, das es in Neukölln noch zu geben scheint. Denn er hält die Stadt für die letzte Metropole, die nicht abgewirtschaftet und sich Lifestyle-Phänomenen preisgegeben hat. Sein Lob klingt so: „Die Mode der Leute ist nicht an Geld gekoppelt. Sie mieten sich Wohnraum, statt ihn kaufen zu müssen und von Banken abhängig zu werden. Hinzu kommt, dass es eine familienfreundliche Stadt ist. Ich sehe jeden Tag so viele Väter, die mit Kindern auf dem Rad unterwegs sind, in Cafés gibt es Spielecken für Kinder. Und hier habe ich zum ersten Mal ein Plakat mit dem Konterfei des Todeskandidaten Mumia Abu Jamal in der Öffentlichkeit gesehen. Dabei wartet Jamal in Amerika auf seine Hinrichtung, ein schwarzer US-Bürger. Das hat mich umgehauen. Die Deutschen wissen, was in der Welt vor sich geht. Und viele kämpfen noch für Gerechtigkeit.“

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