Die Blume steckt im Dilemma

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Der große Floristikreport : Warum Blumen zu Designobjekten werden
Veronika Völlinger
Was darf's denn sein? Im Mai sind vor allem Pfingstrosen sehr begehrt.
Was darf's denn sein? Im Mai sind vor allem Pfingstrosen sehr begehrt.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Es ist Versandtag. Die Floristen von Lia Blumenkind binden Tulpen, Pfingstrosen und Japanrosen zum Strauß der Woche zusammen, in frühlingshaften Rosatönen. Sie schlagen ihn in blütenweißes Seidenpapier und kleben Logos drauf. Ein Plastiksäckchen mit angefeuchtetem Windelstoff drin soll die Stängel frischhalten. Am nächsten Tag werden viele Frauen und einige Männer sie irgendwo in Deutschland aus dem einen Meter langen Karton auspacken.

Lia Blumenkind wirbt für sich nur in sozialen Medien. „Wir sind über Instagram gestartet, also waren unsere ersten Kunden auch die typischen Instagramerinnen“, sagt Gründer Hilverling. Dort trifft Blumensprache auf Bildsprache. Weil auf Instagram schöne Dinge wie Avocadobrote oder rustikale Holztische in Minimalisten-Wohnungen funktionieren, funktioniert es auch, wenn auf dem Tisch ein Blumenstrauß steht, der wie frisch gepflückt aussieht. Die Kundinnen posten Bilder, wenn sie ihre Blumen aus der Lia-Blumenkind-Versandbox auspacken und das Start-up teilt das. Die Botschaft der Blume: Ich bin ein begehrtes Designobjekt.

Millionen Beiträge sammeln sich unter #instaflowers, #flowersofinstagram oder #floralstories. Eine Frau postet einen Strauß mit Tulpen, rosa und pastellig natürlich, berichtet von ihrer anstrengenden Woche und den Blumen, die sie sich danach gegönnt hat. Wie ein kleiner Wellnesstrip. Blumen auf Instagram sind Abziehbilder einer romantischen, naturverbundenen Welt. Blumenkäufer der letzten Jahrzehnte wären wohl nie auf die Idee gekommen, einen arrangierten Strauß auseinanderzupflücken und die Blütenstängel für ein Foto auf einem Tisch auszubreiten.

Ihre Schönheit vergeht

So werden Schnittblumen zu Designklassikern. Dabei wandern sie nach spätestens zehn Tagen in den Müll. Moderne Zucht hat das Leben der Blume mittlerweile verlängert. „Man will selbst nicht mehr altern, also soll die Blume auch immer frisch bleiben“, glaubt Lia Blumenkinds Floraldesigner Lukas Ernle. Man kann sie auch gut pflegen, etwa immer frisch anschneiden. „Wenn Blätter und Seitentriebe ins Wasser hängen, dann gammeln die Stängel schneller und das Wasser wird trüb“, sagt Ernle. Deshalb schneiden Floristen das Grün unten ab. Betörend riechen sollten sie nicht. „Je mehr eine Rose duftet, desto schlechter ist ihre Haltbarkeit“, sagt Ernle.

Die Blume steckt im Dilemma. Es macht ihren Reiz aus, dass ihre Schönheit vergeht und immer wieder etwas anderes in der Vase steht. Aber sie bedeutet Abfall. Ist eine Blume zu sehr aufgeblüht, können Floristen die Blütenblätter immerhin als Streudeko für eine Feier verwenden.

Auf die Spitze treiben das Spiel mit der Vergänglichkeit Start-ups, die sogenannte Infinity-Rosen in Hutschachteln anbieten – eine blumige Beschreibung für ausgestopft. Sie ziehen das Wasser aus den Pflanzen und ersetzen es durch Chemikalien wie Glycerin. Die ewigen Rosen kosten zwischen 100 und 300 Euro und sollen ein bis drei Jahre lang halten. Manchmal treibt das Blumengeschäft seltsame Blüten.

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