Floristen werden händeringend gesucht

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Der große Floristikreport : Warum Blumen zu Designobjekten werden
Veronika Völlinger
Am Ende des Jahres kaufen die Deutschen viel Blühendes, wenn Totensonntag und die Adventszeit anstehen.
Am Ende des Jahres kaufen die Deutschen viel Blühendes, wenn Totensonntag und die Adventszeit anstehen.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„Die Leute wollen Schönes erleben und sind bereit, Geld dafür auszugeben“, sagt Koch. Er glaubt, dass sich das jetzt wandelt und die Menschen „die Blume wieder erkennen“. Es gibt auch mehr Auswahl als früher: Die Gärtner bieten immer mehr Variationen an. Die Blumen sprechen heute anders, aber sie sprechen wieder lauter.

Vielleicht zu laut? „Wir haben Sorge, dass wir die Arbeit nicht schaffen“, sagt Christian Koch, „wir suchen noch ein bis zwei Floristen.“ Es gibt aber kaum gute Leute, weil es wenig Nachwuchs gibt. Der Beruf zählt zu den am schlechtesten bezahlten, das Einstiegsgehalt nach der Ausbildung liegt zwischen 1600 und 1900 Euro brutto. Der Fachverband Deutscher Floristen hat deshalb vor drei Monaten eine Kampagne gestartet, um Bewerber anzusprechen. Rund 100 000 Euro kostet sie. Eine aufwendige Homepage präsentiert Bilder von jungen Menschen in Floristenläden, die man glatt bei Instagram posten könnte. In Schulen sollen Workshops gehalten werden.

In Berlin gibt es laut Floristenverband etwa 150 Blumenfachgeschäfte und etwa 300 Verkaufsstellen. Früher waren es mal viel mehr. Neueröffnet haben vor allem Verkaufsstellen. In Berlin kennt jeder die Blumenläden in den U-Bahnhöfen. Sie bieten schnelle Sträuße, die wenig kosten. Die BVG-Tochterfirma Urbanis vermietet sie, die Ladenfläche ist klein. Das bedeutet weniger Miete als in einem großen Geschäft wie bei Blumen-Koch.

So beständig, wie die U7 am Adenauerplatz Fahrgäste ausspuckt, steuern die Menschen den Laden von Duc Toan Nguyen und seiner Frau Truong Thi Hong an. Eine Dame im Trenchcoat lässt sich zwei Hortensien, zwei Rosen und zwei Lilien mit Grün zusammenbinden. Frau Nguyen zieht mit einer kleinen Zange die unteren Blätter von den Stängeln. Die Kundin ist pingelig und zeigt auf ein übrig gebliebenes Blatt.

Zwölf Rosen für zehn Euro – wie geht das?

Seit 2004 führen die Nguyens den Laden im U-Bahnhof, Herr Nguyen hat das Blumenbinden in Vietnam gelernt. Seine Kunden suchen nicht das moderne Experiment. „Die meisten Leute wollen Rosen“, sagt er. Die Blume, deren Botschaft bei aller vergessenen Sprache noch immer unmissverständlich ist, hat ihren Platz in der Mitte des Ladens: Auf Stufen stehen Plastikkübel mit Rosen in Pink, Rosa, Rot und Orange. Warum kommen die Kunden dafür hierher? Der Blumenhändler lacht. „Bei mir gibt’s sie billiger.“ Zwölf Rosen kosten zehn Euro, bei Blumen-Koch kosten zwölf Rosen im Strauß 65 Euro. Wie erkennt er, dass die Blumen trotzdem eine gute Qualität haben? Herr Nguyen denkt lange nach und befühlt Blütenblätter einer Rose, aber so recht kann er das nicht sagen. „Erfahrung.“

Die Nguyens führen den Laden im U-Bahnhof Adenauerplatz.
Die Nguyens führen den Laden im U-Bahnhof Adenauerplatz.Foto: Veronika Völlinger

Nguyen kriegt seine Blumen so günstig, weil er morgens vor dem Großhandel steht, der um fünf Uhr öffnet. Noch günstiger ist es für ihn, wenn ein Laster Blumen direkt aus Holland liefert. Frau Nguyen betritt die Ladefläche des Lkws. Sie trägt einen dicken Anorak, die Kühlung läuft. Die Regalreihen sind fast leer, der holländische Händler fährt immer zum Schluss zu den Nguyens, das bedeutet Sonderangebote.

Der Händler stellt Plastikkübel mit pinken Rosen auf den Boden und zählt die Sträuße auf Niederländisch. Er schaut zu Frau Nguyen, sie zählt auf Vietnamesisch nach und nickt. „Willst du noch Pfingstrosen?“, fragt der Holländer. Frau Ngyuen grinst. „Ja, geschenkt.“ – „60 Cent“, sagt er. „Das ist zu viel, ich hab ja noch welche.“ Am Ende kommt er ihr entgegen, 57 Cent. „Das war ein gutes Geschäft“, sagt Frau Nguyen, als sie die Treppe zum U-Bahnhof wieder hinabsteigt.

Ein Berliner Start-up verschickt Blumen im Abo

Die Nguyens laufen eilig durch den Laden und verpacken schnell, denn manchmal stehen vier, fünf Leute in der Schlange vor der Kasse. Ein Mann mit Schnauzer lässt sich 15 Rosen binden – „für meine bessere Hälfte“. Eine Teenagerin kauft einen runden Strauß mit Luftballon drin. Stammkunden grüßen freundlich, doch lange Beratung oder Gespräche wie bei Blumen-Koch suchen hier die wenigsten. „Die Arbeit ist hart“, sagt Frau Nguyen. Die Plastikkübel mit Wasser wiegen viel, der Laden hat unter der Woche täglich elf Stunden lang offen. Als sie erfährt, dass sich manche Leute mittlerweile Blumen im Abo übers Internet bestellen, sagt sie: „Ach, so was gibt’s auch?“

So etwas gibt es rund 20 Kilometer nördlich in Französisch-Buchholz. Timotheus Hilverling öffnet die Tür zur schmalen Seitenhalle eines Blumen-Großhandels. Hier kommen die Sträuße des Start-ups Lia Blumenkind her, das er 2016 gegründet hat. Auf einem Blätterhügel stehen seine Kollegen, zwei Floristen, an hohen Holztischen. An der Wand stapeln sich Versandkartons. Das Start-up verschickt die Blumen im Abo oder einzeln, Kunden bestellen übers Internet und zahlen für den kleinsten Strauß bei wöchentlicher Lieferung 28 Euro. „Es werden immer mehr Blumen verkauft, aber der Einzelhandel stirbt, und die Discounter nehmen zu“, sagt Gründer Hilverling. Er hofft, dass bei ihm Blumenkäufer landen, deren Gewohnheit Onlineshopping ist.

Neu ins Privatkundengeschäft einzusteigen, ist schwierig. Die Branchenriesen Fleurop und Blume2000 übernahmen bereits zwei Online-Lieferdienste. Lia Blumenkind konzentriert sich deshalb mittlerweile stärker auf Geschäftskunden. Hilverling und sein Team flechten Blumenhaarkränze für die Kampagne von Kosmetikfirmen oder beliefern Coworking-Spaces.

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