Die latente flämisch-wallonische Krise hat in der Stadt Besorgnis ausgelöst.

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Deutschsprachige Minderheit in Belgien : Die Grenzgänger von Eupen
Karl-Heinz Lambertz war 15 Jahre lang Ministerpräsident der "Deutschsprachigen Gemeinschaft" (DG).
Karl-Heinz Lambertz war 15 Jahre lang Ministerpräsident der "Deutschsprachigen Gemeinschaft" (DG).Foto: Ivo Mayr

Eupen, gelegen zwischen grünen Hügeln, ist heute kulturell ein Flickenteppich. Seine frei stehenden Steinhäuser erinnern an Frankreich, die ambitioniert gestutzten Rasenflächen an Deutschland, die Fassaden sind in bräunlich-belgischem Klinkergewand gehalten. Auch die Straßenbeläge, ein asphaltiertes laissez faire mit Mut zur Lücke, passen gut in die Gegend.

In der Stadt gibt es ein Restaurant namens „Aux Sans Souci“ ebenso wie die Pension „Zum Goldenen Anker“, es gibt Bistros wie „Le Palais“, aber auch Konditoreien, in denen Gäste ein Kännchen Kaffee bestellen. An einer Litfaßsäule wird ein Auftritt der Kölner Mundart-Band Bläck Fööss angekündigt.

Beim Wochenmarkt auf dem Werthplatz stehen vorne Blumenverkäufer aus dem flämischen Bilzen, zwischen Maastricht und Hasselt gelegen. Die Töpfe sind mit Aufklebern versehen, auf denen „au choix“ steht oder „3 pour 10“. Der Obststand ist ebenfalls frankofon. Doch auch aus Deutschland sind Händler und Kunden angereist. Hier gibt es Delikatessen von überallher und für jeden Geschmack. „Was Scharfes, was Wildes, was Süßes“, ruft ein Verkäufer, während sich zwei Passanten mit „Bon week-end!“ verabschieden.

Wenn Karl-Heinz Lambertz über den Markt bummelt, wird er ständig begrüßt – wie ein alter Bekannter. Lambertz bleibt dann bereitwillig stehen, „wie jeht et, jut?“, sagt er und plaudert ein wenig. Lambertz, 62 Jahre alt, ist eine zentrale Figur in Eupen, ein jovial wirkender Mann von massiver Gestalt. Bis vor kurzem war er Ministerpräsident der deutschspachigen Belgier: Ganze 15 Jahre lang residierte er im Amtssitz, einer prächtigen Tuchmachervilla zwischen Bahnhof und Zentrum, die an Eupens Tradition als Textilstadt erinnert. „Die Menschen hier“, beginnt Lambertz einen kleinen Vortrag, und sein Akzent klingt fast französisch, „wissen vor allem, was sie nicht sind: Sie wollen keine Deutschen sein, aber eben auch keine Wallonen.“

Ihre heutige Autonomie verdankt die Deutschsprachige Gemeinschaft dem Zwist zwischen Flamen und Wallonen. Wegen diesem bekamen in den vergangenen 50 Jahren einzelne Regionen und Sprachgruppen in Belgien immer mehr Befugnisse. Das führte dazu, dass die Deutschsprachigen nun nicht nur eine vierköpfige Regierung, sondern auch ein eigenes Parlament haben. Lambertz hat diese Entwicklung entscheidend mitgeprägt.

Anders als zum Beispiel in Südtirol schimpft man hier nicht auf die Regierung in der fernen Hauptstadt, sondern schätzt den belgischen Föderalismus. Deswegen wollte Karl-Heinz Lambertz auch nichts mit der „Partei deutschsprachiger Belgier“ zu tun haben, die in den 1970er Jahren an die deutschen Wurzeln der Menschen appellierte. Der damalige Jurastudent Lambertz ging lieber zu den Sozialisten. „Regionale Einheitsparteien“ möge er nicht, erklärt er – und will das als „Bekenntnis zu einem Land mit verschiedenen Volksgruppen“ verstanden wissen. Vor Jahren veröffentlichte er ein Buch zum Thema „Grenzregionen als Labor und Motor kontinentaler Entwicklungen Europas“. In Eupen bekomme man ein besonders gutes „Gespür für europäische Integration“, sagt Lambertz. Er sieht Belgien als Vorbild.

Doch die latente flämisch-wallonische Krise der letzten Jahre hat in der Stadt Besorgnis ausgelöst. Wiewohl man Teil der Wallonie ist, positioniert man sich nicht, ähnlich wie ein Kind, das zwischen den streitenden Eltern keine Seite wählen möchte. Die Deutschsprachigen könnten mit ihrem zur Schau gestellten Patriotismus bald alleine dastehen. Ein Sprichwort besagt sogar, die „letzten echten Belgier“ seien ganz am Rande des Landes zu finden.

Wenn man Eupen mit dem Auto verlässt und Richtung Osten fährt, ist kaum zu erkennen, wo Belgien aufhört und Deutschland anfängt. Am Grenzübergang „Köpfchen“ liegen die alten Zollstationen verwaist an der Landstraße, niemand, der ihretwegen die Geschwindigkeit mindern oder gar anhalten würde. Schranken gibt es schon seit 30 Jahren keine mehr, mit Schengen verschwanden die Grenzanlagen. Dort, wo die Grenze verlaufen muss, steht ein Erdbeerstand.

Eingeweihte legen hier an der Strecke gerne aus anderen Gründen einen Stopp ein: „Pommes und Champagner“, dies ist der programmatische Untertitel des „Café de Frites“. Eine kleine, grau geflieste Gaststube, bunte Kronleuchter hängen an der Decke, die Küche ist offen und an der Wand stehen die Namen von Weinen. Gäste bekommen ein mariniertes Rinderfilet als Vorspeise – dies ist eine Luxus-Frittenbude belgischer Art, betrieben von Deutschen.

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