"Sie zensieren nackte Brüste, aber keine Hakenkreuze"

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Dunja Hayali und Anja Reschke im Interview : Die Wutprobe
Anja Reschke (l.) und Dunja Hayali im Gespräch.
Anja Reschke (l.) und Dunja Hayali im Gespräch.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

2017 ist ein Wahljahr. Rüsten Sie sich schon vor Entgleisungen in den sozialen Medien?

Reschke: Ich glaube, dass die AfD wie Trump massiv versuchen wird, mit Tabubrüchen und verbalen Entgleisungen Aufmerksamkeit für sich zu gewinnen. Die Frage ist, wie sich die Journalisten dabei verhalten. Über wie viele Stöckchen springen sie? Wenn ein Onlinemedium schreibt, Frau Petry hält das Wort „völkisch“ für in Ordnung – rums, hast du sofort Kommentare und Klicks. Herr Gauland hat nach einer Sendung mal zu mir gesagt: „Wir müssen doch gar nichts tun, Sie machen doch alles für uns.“

Hayali: Darüber reden wir jedes Mal in der Redaktion: Nehmen wir diese verbale Entgleisung auf? Wenn Frauke Petry „völkisch“ in unserem Sprachgebrauch etablieren möchte, können wir nicht so tun, als hätte sie das nicht gesagt.

Reschke: Aber wenn du es zehnmal wiederholst, entschuldige mal!

Hayali: Du hast recht. Dann stellt sich die Frage, ab wann wir über eine Eskalation berichten. Oder greifen wir das gar nicht auf? Das entscheiden wir von Fall zu Fall. Die „New York Times“ hat berechnet, dass Donald Trump während des Wahlkampfes auf eine Sendezeit im Wert von zwei Milliarden Dollar gekommen ist, weil er jede Nacht auf Twitter eine verbale Entgleisung postete und alle Morning-Shows darüber berichteten.

Geht es nicht darum: Tweets zu produzieren, die am nächsten Morgen massenhaft verbreitet werden?

Hayali: Populismus mit Populismus bekämpfen? Das ist nicht die Art und Weise, die ich als deutscher Staatsbürger von politischen Vertretern erwarte oder mir wünsche.

Das wird schwierig zu ignorieren sein, sollte die AfD jeden Abend provozieren.

Reschke: Das glaube ich auch. Ich erwarte von Journalisten, dass sie sich Gedanken darüber machen, was ihre Berichterstattung bewirkt. Das geht nur bedingt, das ist mir schon klar. Letztendlich werden auch Programme oder Artikel für die Verkaufe publiziert. Und das finde ich schwierig. Verkaufe ist populismusfördernd.

Hayali: Der mediale Fehler in Bezug auf die AfD ist, dass man sie mit ihrer Ein-Themen-Politik durchkommen lässt. Immer wird diese Partei, die demokratisch gewählt ist und jetzt in Landesparlamenten sitzt, über Flüchtlinge, Zuwanderung und Migration befragt. Wir müssen sie aber, wie wir es mit jeder anderen Partei auch tun, zu all den anderen ebenfalls wichtigen Themen befragen. Wir hatten Beatrix von Storch bei uns im Studio zum Thema Mindestlohn und soziale Gerechtigkeit. Dann musste sie blank ziehen.

Gab es einen Shitstorm gegen die AfD-Politikerin?

Hayali: Ja, aber dafür mache ich keinen Journalismus und darum geht es im Journalismus doch auch nicht. Ob es jetzt Frau von Storch ist oder Heiko Maas oder die Bundeskanzlerin. Unsere Aufgabe ist es, Politiker mit Themen und Inhalten zu konfrontieren und Lücken oder Widersprüche aufzudecken.

Frau Reschke, Sie haben auf Ihren ARD-Kommentar auch viele positive Reaktionen erhalten, einen Candystorm ausgelöst.

Reschke: Es gibt viele Leute, die froh sind, dass jemand die Worte äußert, die sie selber fühlen.

Sie plädierten dafür, Facebook stärker zu begrenzen. Die Bundesregierung plant nun, das soziale Netzwerk für Falschmeldungen zu belangen. Sind Sie enttäuscht, dass das US-Unternehmen wenig gegen Hasskommentare tut?

Reschke: Man muss sich fragen, wie das weitergehen soll. Wie wird das in 20 Jahren, wenn wir alle Informationen über Facebook oder eine andere Plattform erhalten, weil die Öffentlich-Rechtlichen und Zeitungen an Verbreitung verlieren?

Hayali: Ich finde, dass Unternehmen wie Facebook mehr Verantwortung übernehmen müssen. Sie können nicht einfach eine Plattform hinstellen und sagen: Jeder kann hier machen, was er will. Ich verstehe nicht, warum sie nackte Brüste zensieren, aber antisemitische Parolen oder Hakenkreuze offensichtlich für unbedenklich halten.

Reschke: Was ich krass finde, sind diese geschlossenen Facebook-Gruppen, wo es klar um Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus geht. Da macht Facebook die Augen zu.

Melden Sie die beleidigenden Kommentare bei Facebook?

Hayali: Ha ha, guter Witz!

Reschke: Bei Panorama moderieren Redakteure die Kommentare. Alles, was Volksverhetzung ist, bekommen die Leser gar nicht zu sehen.

Dafür melden Sie diese der Polizei?

Reschke: Wenn Morddrohungen kamen, haben wir sie weitergeleitet.

Wie können Sie da abends den Kopf frei bekommen?

Reschke: Ich möchte solche Geschichten nicht öffentlich machen, damit ich Leute nicht auf die Idee bringe, wie sie mich treffen können.

Hayali: Das verstehe ich. Auch um die Familie zu schützen. Nur so viel: Wir sind Menschen, die solche Dinge nicht einfach in der Schublade im Büro lassen können.

Reschke: Eigentlich leben wir in einer spannenden, anstrengenden, jedenfalls nicht unpolitischen Zeit. Man könnte der AfD zugutehalten, dass sie Menschen zur Wahl gebracht hat, die jahrelang nicht gewählt haben. Ob einem das gefällt oder nicht.

Hayali: Und jene Menschen, denen diese Ansichten nicht gefallen, unternehmen etwas dagegen. Menschen sind parteiverdrossen, aber nicht politikverdrossen. Die stille Mitte wacht auf – das ist doch gut.

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