"In Lychen entwickelt sich was"

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Entschleunigung in der Uckermark : Warum es Berliner nach Lychen zieht
Idyll am Wasser. Immer mehr Großstädter drängen nach Lychen.
Idyll am Wasser. Immer mehr Großstädter drängen nach Lychen.Foto: Paul Hahn

Flößerei, Heilstätten, Reißzwecken – das waren einst die Standortfaktoren. Private Bierbrauerei wird es nun wohl nicht gerade werden. Trotzdem ist es Zeit, ein „Storch-Bier“ zu probieren. Das wird beispielsweise in der „Mühlenwirtschaft“ ausgeschenkt. Die 1992 stillgelegte Mühle, ein roter Backsteinklotz, der einer neuen Zukunft entgegendämmert, liegt nur wenige Minuten vom Markt entfernt am Mühlenbach.

Im linken Flügel residieren ein elegantes Café und eine rustikale Wirtschaft. Komisch nur, dass Fernsehmoderatorin Carla Kniestedt das schmutzige Geschirr abträgt. Hier lauert die nächste Lychen-Geschichte: Kniestedt, die seit zehn Jahren lieber in Lychen statt in Berlin lebt, erzählt sie gleich selbst, als es in der Küche ruhiger wird. Derweil wirtschaftet ihr Mann Roland Resch, der die Brandenburger Grünen wie den Naturpark Uckermärkische Seen mitgegründet hat und in der Regierung Stolpe auch mal Minister war, hinter dem Tresen weiter. Kniestedt und einer Gruppe anderer Lychener war der Verfall der Mühle ein Ärgernis. Sie gründeten einen Verein, der als ersten Schritt Fördergelder zur Sanierung des Daches und zum Ausbau einer Bootspassage im Mühlenbach auftrieb. „In Lychen entwickelt sich was“, sagt Kniestedt. Jetzt käme es darauf an, die Entwicklung nicht nur auf Touristen, sondern auch auf Einheimische auszurichten – und auf Zuzügler.

„Wir werden einmal viel mehr Einwohner haben, als uns lieb ist“, fürchtet die Kinoberühmtheit der Stadt: „Herr Wichmann von der CDU“.

Wichmann ist Vorsitzender des Gemeindekirchenrats - und Filmstar

Wichmanns an Banalitäten wie an Beharrungskräften reichem Politikeralltag widmete der Filmemacher Andreas Dresen zwei muntere Dokumentationen. „Der Schreiadler hat in Brandenburg schon viel verhindert“, das ist eines der unfreiwillig komischen Bonmots, das der notorische Naturschutzkritiker in „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ von sich gibt. Die Turmdohlen der dank seiner guten Kontakte glücklich sanierten St.-Johannes-Kirche muss er jedoch dulden. Sie stehen unter Naturschutz. Und doch: „Die scheißen uns ganz schön die Regenrinne voll!“

Der CDU-Politiker Henryk Wichmann in einer Filmszene der Dokumentation "Herr Wichmann aus der dritten Reihe".
Der CDU-Politiker Henryk Wichmann in einer Filmszene der Dokumentation "Herr Wichmann aus der dritten Reihe".Foto: pa/Andreas Dresen/Piffl Medien

Wichmann, 40, Landtagsabgeordneter und Vater von vier Kindern, ist Vorsitzender des Gemeindekirchenrats. „Mit 19 war das mein erstes Ehrenamt.“ Wichmann stammt aus einer Hugenottenfamilie. Die Hortensien vor der Kirche hat er gepflanzt. Die Blätter glänzen feucht.

Auf dem leeren Platz erscheint ein junges Mädchen, stockt, und tritt vorsichtig näher heran. Sollte das die Vorsitzende der Jungen Union Lychen sein? Nein. „Hallo, Papi“, ertönt ein schüchterner Gruß. Wichmanns Älteste ist 14 und wird es nach Meinung ihres Vaters im Gegensatz zu vielen anderen in der von Arbeitslosigkeit gezeichneten Uckermark später nicht nötig haben, die Heimat zugunsten des Jobs zu verlassen: Berlin wachse, der Speckgürtel sei voll, da dränge der Zuzug nach Lychen.

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