Ferien der Kindheit : Auf Haxe in Bayern

Traktorfahren über Felder, Katzenjagen auf dem Bauernhof. Unbeschwert war’s am Waginger See! Lässt sich dieses Gefühl wiederholen?

Abhängen früher. Unsere Autorin als Kind im Märchenpark, in dem sich bis heute fast nichts verändert hat.
Abhängen früher. Unsere Autorin als Kind im Märchenpark, in dem sich bis heute fast nichts verändert hat.Foto: privat

Der Duft hat sich festgesetzt im Kopf. Landluft. Es riecht nach Kuhstall, Heu und altem Holz. Staubig ist es, trotzdem befreit jeder Atemzug die Lungen vom Feinstaub der Stadt. Vor allem in jungen Jahren verknüpfen Menschen die Erinnerungen ihrer Kindheit stark mit Gerüchen, haben Wissenschaftler herausgefunden.

Ich war fünf, als meine Eltern entschieden, dass ihre beiden Stadtkinder mal auf einen Bauernhof sollten. Also fuhren wir nach Waging am See – auf den Jakobshof zu Annelise Gebhard-Kecht. Es ist der erste Familienurlaub, an den ich mich erinnern kann.

550 Kilometer liegen zwischen meiner Heimat Mainz und der Ferienwohnung östlich vom Chiemsee in Oberbayern, mehr als fünf Stunden Autofahrt in unserem alten weißen Golf, mit Fahrrädern auf dem Dach. Heute wundere ich mich, wie Gepäck, Buggy und Fahrradsitze in dieses Auto passten. Kaum saß ich auf der Rückbank, schlief ich ein. Das hat sich auch bei der Anreise im Zug nicht geändert. Ich höre noch die Stimme des Schaffners, der als nächsten Halt Berlin-Südkreuz ankündigt, dann erwache ich bei der Einfahrt in den Münchner Hauptbahnhof.

Meine Schwester und ich sind zurückgekehrt zu dem Ort, an dem wir damals so viele glückliche Stunden verbrachten. Unser erster Besuch war vor 25 Jahren. Katharina sucht jetzt ihre verlorenen Erinnerungen. Als wir zum ersten Mal nach Waging kamen, war sie gerade zwei Jahre alt.

Wir sorgten uns um nichts

Ich will die Unbeschwertheit der Kindertage wiederfinden. Mehrere Jahre lang kamen wir jeden Sommer wieder, bis irgendwann der Hof vorerst den Betrieb einstellte. Wir reisten dann an die Strände Südeuropas, wir Kinder wurden größer und die Urlaube komplizierter. Es gab Streit, mal mit den Eltern, mal mit der Schwester. Doch in diesem ersten Jahr, als uns Papa 1993 im Schlauchboot über den Waginger See paddelte, da sorgten wir uns um nichts. Das Boot liegt heute in meinem Kreuzberger Keller, die Berliner Ersatzfamilie rudert damit ab und zu über die Spree.

Auf dem Joklmohof, so heißt der Jakobshof seit seiner Wiedereröffnung, stürmt uns ein Berner Sennenhund wild bellend entgegen. Sein Vorgänger Aaron war mir sympathischer, doch der ist längst tot. Als stummer Begleiter folgte er den Kindern, lag mit uns im Sandkasten. Meine Liebe zu Hunden ist in den vergangenen Jahren nicht gewachsen. Mit zitternder Hand streichle ich Lucky, so heißt der neue. Endlich verstummt er.

Das Wohnhaus ist neu, früher lebte Familie Gebhard-Kecht in der alten Kate mit den braunen Fensterläden, die direkt an den Stall angrenzt.

Es riecht, wie ich es erhofft hatte. Landluft. Doch trotz aller Bemühungen meiner Eltern bin ich kein begeisterter Naturmensch geworden. Nicht nur Hunde, auch Kühe sind mir suspekt. Nur zaghaft traue ich mich in den Stall, wo die braun-weißen Tiere Heu mampfen. Katharina will sie streicheln. Ich rate ab, sie könnten beißen. Wo ist die mutige Helena hin, die durch den Stall tobte und die Kühe auf die Weide trieb? Wohl auf dem Weg des Erwachsenwerdens verloren gegangen.

Früher spielte unsere Autorin gern mit den Tieren. Heute streichelt sie Hunde mit zitternder Hand.
Früher spielte unsere Autorin gern mit den Tieren. Heute streichelt sie Hunde mit zitternder Hand.Foto: privat

„Seid ihr nicht zu alt dafür?“

„Babykatzen!“ Wir ziehen Strohhalme über den Boden, die grau-getigerten Samtpfötchen jagen hinterher. So könnte es ewig weitergehen, doch es gibt noch so viel (wieder) zu entdecken. Wir rennen über den Hof und untersuchen jeden Winkel neu, obwohl alles vertraut ist. Die Kaninchen, der Esel, die Ponys und Hühner. Kritisch blicken die anderen Feriengäste zu uns herüber. „Seid ihr nicht zu alt dafür?“, fragen ihre Blicke. „Seid still“, wollen wir ihnen zurufen.

Ein blondes Mädchen eilt über den Hof. Sie will auf dem Traktor mitfahren. Prompt erinnere ich mich an die erste Traktorfahrt meines Lebens, hier auf dem Hof. Damals saß ich an der Seite von Veronika, der Tochter des Bauernhofs, während ihr Opa mit uns über die Felder tuckerte. Sie war meine Spielgefährtin in den zwei Wochen im Sommer. Jetzt fährt die nächste Generation Traktor, die Kleine ist Veronikas Tochter. Die Mutter erinnert sich nicht an mich oder meine Schwester. Wie auch, mit wie vielen Feriengästen sie wohl gespielt hat?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben