Hier blühen Büropflanzen und -menschen auf

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Ferienclubs auf Fuerteventura : Immer wieder sommers: Eine Reise zu den Stammgästen
Club Aldiana 2018. Jörg und Kerstin Schwerdter haben sich hier vor 22 Jahren zum ersten Mal geküsst.
Club Aldiana 2018. Jörg und Kerstin Schwerdter haben sich hier vor 22 Jahren zum ersten Mal geküsst.Foto: Privat

Eventuell ist es jedoch ganz anders, dass sich nämlich das eigentliche Ur-Feriengefühl aus Wiederholung speist. Mit scheinbar ewiger Wiederkehr fing das Ferienglück ja an. Mit gefühlt ewig langen Sommerferien in einer ewig langen Schulzeit, nur die Alten schienen sterblich. Wiederholung garantiere schon deshalb größte Entspannung, sagt ein Stammgast, weil man sich nicht erst zurechtfinden müsse. „Urlaub ohne Reibungsverluste“ nennt er das.

Früher habe es jedenfalls mehr Miteinander gegeben, sagt Kurt, vielleicht auch deshalb, weil nicht alle auf ihre eigenen Smartphones und Laptops schauten. Anfangs gab es ja nicht einmal Animateure, die Theatershows für die Abendunterhaltung haben sie zusammen mit anderen Gästen eingeübt. Tagelang! Da lernte man einander wirklich kennen. Einige, sagt Kurt, reisten mit einer Frau an und mit einer anderen wieder ab.

Möglich ist das heute auch noch.

Und plötzlich springt es einem ins Auge: Hier blühen sogar die Büropflanzen auf. Die Fingeraralie! Ist ein Baum von vier Metern Höhe. Der Ficus! Ist außerhalb seines Habitats von Zahnarztpraxen und Ämtern ein frei stehender, dicht belaubter Baum, der mühelos eine Hängematte tragen könnte. Ganz zu schweigen von den Gummibäumen, diesen undurchdringlichen grünen Riesen. So also sind diese Pflanzen gemeint! Büropflanzen außerhalb ihres Büros sind die wahren Stammgäste dieses Clubs. Jedes Jahr wird ihr Stamm stabiler. Wer sie in ganzer Kraft gesehen hat, entfaltet zu ihrem vollen Potenzial, will sie nie wieder in Gefangenschaft erleben müssen.

Man muss die Büffets überlisten

Auch die Büromenschen aus Deutschland wachsen über sich hinaus. Sie gehen aufrechter, das arbeitshalber Geknickte, das entfernt an die Form eines Stuhls erinnert, weicht aus ihrer Haltung. Womöglich ist das ein Grund, weshalb sich die hier gefundenen Freunde lieber wieder auf der Insel verabreden als in Deutschland. Warum sich in Herne begegnen, zurückgestutzt auf die Angestelltenexistenz, wenn man hier einmal ein nachdenklicher Katamaransegler war?

Na ja, nicht alle natürlich. Dieser Club richtet sich an deutsche Kunden. Da sind solche, die schwärmen, und solche, die über das Angebot schimpfen. Man werde sehr zum Essen und Trinken verleitet, sagen sie seufzend. Einige hätten schon zugenommen.

Roswitha Rüben kann das nicht verstehen. Über Büfetts muss man sich nicht beschweren, die muss man überlisten. Sie spricht aus mehr als 20 Jahren Erfahrung. Schließlich ist ja alles da, bei den nahtlos ineinander übergehenden Frühstücks- und Mittags- und Kaffee- und Abendbüfetts eines Ferienclubs!

Seit fünf Jahren lässt sie sich also draußen an der Poolbar vor dem Essen einen Sekt geben. Den nimmt sie mit in den Speisesaal und gießt ihn nach dem Essen über eine Kugel Sorbet, schon gibt es eines der schlicht-elegantesten Desserts weltweit. Sie hat dann kein Auge mehr für die Eisbombe mit ihren funkelnden Wunderkerzen, die am Gala-Abend unter Applaus hereingetragen wird und auch nicht für den Schokobrunnen, der an der Grenze zum Obszönen vor sich hinplätschert. Stil heißt auch, im Angesicht des Überflusses seine Fasson wahren.

„Du machst ja gar nichts“

Roswitha Rüben, seit Mitte der 90er Jahre Stammgast, ist eine kleine, feine, unabhängige Person mit gischtfarbenen Haaren, die keine extra Aufforderung braucht, um fürs Abendessen die Badesachen abzulegen. Es ist, sagt sie, dieser magische Ort, der sie wiederkommen lässt. Die Ausstrahlung, allein der Frieden in diesem vollkommen unwahrscheinlichen Garten! Die 230 000 Quadratmeter Clubgelände, zum Meer hin abfallend auf einem Felsplateau.

„Oh, hier will ich bleiben“, sagte ihr Gefühl von Anfang an. Roswitha Rüben weiß, welche Bäume zweimal im Jahr blühen. Längst hat sie Samenschoten einer wilden Strandpflanze zu Hause eingetopft und, frostfrei überwintert, auf über einen Meter hochgekriegt. Daheim in Köln zeigt ihr Bildschirmschoner einen madagassischen Feuerbaum, blühend, wie der, der jetzt gerade dort hinten steht. Wenn sie herkommt, sagt sie, nimmt sie erst einmal „Grundposition 1“ ein: Unten an der Strandbar, die Füße hochgezogen auf einem Mäuerchen, Blick aufs Meer. „Was machst du überhaupt?“, fragen die Bekannten. „Intensives Geradeausschauen“, sagt Rüben. „Du machst ja gar nichts“, sagen die Bekannten und springen davon zu ihrem Sportprogramm. Rüben will einfach sein.

Viele wissen gar nicht, dass man sich Rüben als tanzenden Menschen vorstellen muss. Sie läuft jeden Tag so weit am Strand, bis ihr die Waden wehtun. Und sie tanzt jeden Abend neben der Poolbar zwei Stunden, in Sachen Musik „fast schmerzfrei“, weil es so großartig ist, sich unter freiem Himmel zu bewegen. Unten leuchtet der Pool, oben die Sterne. Diese Bilder hat sie dann für den Rest des Jahres abgespeichert.

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