Ist das schon Regression?

Seite 3 von 4
Ferienclubs auf Fuerteventura : Immer wieder sommers: Eine Reise zu den Stammgästen
Roswitha Rüben ist seit Mitte 90er Jahre Stammgast im Club Aldiana.
Roswitha Rüben ist seit Mitte 90er Jahre Stammgast im Club Aldiana.Foto: Privat

Aus den Lautsprechern um Pool und Bar plätschert das Clubradio. Morgens um zehn startet es mit Kindertänzen, dann Musik, Rätsel- und Gewinnspiele. In den 90ern war die Animation aggressiver, sagt Kurt, „aber das wird ja heute nicht mehr gewollt.“ Sie wissen das zu schätzen. Hier werde niemand von der Liege gerissen.

Die Liege. Das Urlaubsmöbel schlechthin. Unterm Bastschirm kann man gut über diesen Ort nachdenken, mit seinen eigenen Informationen aus der Aldiana-Gazette, der eigenen Wahrnehmung der Welt, den eigenen Rhythmen von Kinderbetreuung, Tennisstunden, Mahlzeiten, Personal Trainer, Wetter und Gezeiten. Es ist eine bequeme Blase mit eigenen Regeln.

Am Morgen teilen sich die Gäste in die Pool- und die Strandmenschen. Die Kinder werden bespaßt. Die täglich erscheinende Gazette verspricht die Erfüllung von Wünschen, die man bislang nicht hatte: „Verwirklichen Sie Ihren Traum: Plötzlich Meerjungfrau…“ Die clubeigene Fotografin bietet kostümierte Fotoshootings in der Brandung an. Entscheidungen, die hier anfallen, sind also leicht zu treffen. Jeden Freitag ist Gala-Diner in Schwarz-Weiß für alle.

Der Nabel dieser Welt ist die Poolbar

Seit Anfang der 80er Jahre tröpfelt ohne Unterlass Wasser aus den Bewässerungsschläuchen um die Büsche, damit dieses Stück Land nicht so verkarstet wie der Rest der Insel. Merkwürdig, irgendwann wird ein gelungener Urlaub für viele Menschen dadurch definiert, was alles n i c h t da ist: kein Kochen, kein Einkaufen, keine Anstrengung. „Es ist für alles gesorgt“ ist der am häufigsten gebrauchte Satz der Stammgäste.

Ist das schon Regression?

In einer Art Fruchtblase womöglich, wo die Einflüsse von außen seltsam abgefedert wirken, wo die Demagogen dieser Welt nur gedimmt durchdringen, das Clubradio meldet nur Gewinner. Stundenlang im Wasser treiben kann man auch. Eine künstlich hergestellte Fruchtblase für Erwachsene, die Rückkehr in einen Zustand der Sorglosigkeit verspricht, Nahrung ist 24 Stunden am Tag in beliebiger Menge verfügbar. Versorgung wie mit der Nabelschnur. Das stetige Sausen des Windes und das Rauschen der Brandung imitieren das Rauschen des Blutkreislaufs der Mutter. Die meisten sehen keinen Grund, während ihres Urlaubs je das Gelände zu verlassen. Und der Nabel dieser Welt ist die Poolbar.

„Der Pool ist zu kalt“, sagen die, die zum ersten Mal hier sind. „Das war schon immer so“, sagen die Stammgäste wissend. In den Unterlagen stehe ja auch „beheizbar“ und nicht „beheizt“. Müsse man sich halt von innen wärmen.

Die Vorfreude ist zugleich Erinnerung

Hoch über dem Pool, im Zentrum der ganzen Anlage, ist immer jemand am Tresen, aber Jörg lehnte da auf eine schicksalhafte Art. Er trank, 1996 war das, immer Kaffee mit Eiswürfeln und Wodka. Kerstin weiß heute noch alles. Andere Paare haben „unser Lied“, Kerstin und Jörg haben „unsere Insel“. Ohne diesen Club wären sie nicht zusammen. Schon die seltsamen Parallelen abends an ihrem Achtertisch: Sie beide waren mit ihren Brüdern angereist, jeweils eine Woche. Kerstin vermutete gleich Vorsehung.

Fürs Erste kulminierte diese Vorsehung an einer Weggabelung im Garten, wo jetzt nur stachelige Kakteen in einem Boot zu sehen sind. Doch Jörg, 49, und Kerstin, 51, kommt der 26. März 1996 in den Sinn, weil man die Weggabelung nicht vergisst, an der man sich zum ersten Mal küsst. Natürlich wussten sie beide, was man über Urlaubslieben sagt. Aber was sollten sie machen? Anderthalb Jahre pendelten sie zwischen Heidelberg und Hamburg. Bei der Hochzeitsreise, natürlich auf ihre Insel, war sie schon schwanger. Die Tochter nannten sie Fiona. Seitdem ist Wiederkommen für sie „ein wohlig warmes Gefühl.“ Die wohligen Erwartungen speisen sich aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre. Die sirrende Vorfreude ist zugleich Erinnerung.

Die Tochter hat viele Urlaube ihrer Kindheit hier verbracht, aber auch an den Fitnessmoden sah die Mutter, dass die Zeit verging: Kerstin machte erst Aerobic, dann Step-Aerobic, später Bogenschießen, jetzt müsste sie eigentlich Yoga machen. Fiona ist gerade 20 geworden.

Dreimal im Jahr für drei Wochen

Der Mensch ist ein seltsam loyales Wesen. Er stellt Verbindungen her zu seiner Umgebung, Verbindlichkeiten zu Orten und Menschen. Sogar zu Katzen. Als sie im Club bemerkten, dass sich die Gäste um die wilden Katzen kümmerten, beauftragte das Management einen Verein, der dafür sorgt, dass sie auf dem Gelände in eigenen Behausungen im Garten gesund leben können.

Das ist bestimmt schön für die Kinder, hier Katzen zu haben, oder? Ach nein, heißt es, hauptsächlich ist es schön für die älteren, alleine reisenden Frauen. Sie streicheln sie. Sie lassen sie in ihren Betten schlafen. Ein Teil des 20-Kilo-Aufgabegepäcks, das ihnen die Airlines erlauben, besteht aus deutschem Katzenfutter.

Eine Stammkundin gab es, die kam bis weit in ihre 80er hinein, bis sie die Treppe zum Strand nicht mehr herunterlaufen konnte. Dreimal im Jahr für drei Wochen. Einmal hat man ihr bedeutet, dass sie für das Geld, das sie hier lässt, auch eine Wohnung in der Gegend kaufen könnte. „Möglich“, antwortete sie, „aber dort wäre ich ja dann allein.“

Unter 600 Menschen findet sich immer jemand von der eigenen Art.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben