"Lernen im Schlaf ist Quatsch"

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Gedächtnisforschung : "Ich misstraue meinen eigenen Erinnerungen"
Julia Shaw habe wenig Kindheitserinnerungen, sagt sie.
Julia Shaw habe wenig Kindheitserinnerungen, sagt sie.Foto: Mike Wolff

Wir verändert sich das menschliche Gedächtnis durchs Internet?
Positiv ist, dass durch die sozialen Medien außerhalb des Gehirns Erinnerungen festgehalten werden. So eine externe Festplatte ist super, weil man sich dann auf andere Sachen konzentrieren kann. Die problematische Seite beginnt in dem Moment, wo man sagt, ich mache jetzt ein Foto von diesem Essen, dieser Situation, weil es viele Likes kriegen wird. Wenn man später darauf zugreift, um sich daran zu erinnern, findet man genau diese Erlebnisse, die einem selbst vielleicht gar nicht so wichtig waren. Man filtert durch das soziale Netzwerk das eigene Leben.

Geben Sie uns noch ein paar praktische Gebrauchsanweisungen. Sich neue Vokabeln merken in einer fremden Sprache, wie geht das am besten?
Wiederholen Sie ein Wort nicht nur, sondern versuchen Sie es assoziativ. Malen Sie die Vokabel, interpretieren Sie sie neu, verbinden Sie sie mit einer bizarren Vorstellung. Überhaupt: Schaffen Sie so viele Assoziationen im Gehirn wie möglich.

Sie raten ab vom Multitasking.
Man überschätzt sich oft. Am besten erinnert man sich später, wenn man sich von vornherein mehr Mühe gibt und einer Sache Aufmerksamkeit schenkt. Wichtig ist es, die Erinnerung so multisensorisch wie möglich aufzubauen: Was schmecke ich gerade, was rieche ich? Am Ende hat man eine größere Struktur, auf die man zurückgreifen kann.

Sie schreiben, wenn man beim Lernen Kaffee getrunken hat, sollte man das auch später beim Test tun.
Ja. Denn wenn Sie an eine Information herankommen wollen, sollte sich Ihr Körper nach Möglichkeit im selben Zustand befinden, in dem er diese Info ursprünglich aufgenommen und verarbeitet hat. Deswegen erinnern wir uns, wenn wir traurig sind, auch eher an traurige Sachen.

Lernen im Schlaf – funktioniert das?
Das ist Quatsch. Aber gerade wenn Sie eine neue Sprache lernen wollen, ist das Wichtigste: Schlaf! Wir wissen, dass vor allem Langzeiterinnerungen im Schlaf geformt werden.

Lassen sich unangenehme Erinnerungen, die man gern los wäre, löschen?
Jeder kennt das: Man reinterpretiert Sachen, redet sie sich schön. Die Erinnerung bleibt, aber das Emotionale geht mit den Jahren verloren. Das kann automatisch passieren, mit einer Therapie kann man nachhelfen. Eine Erinnerung komplett zu löschen, wird wahrscheinlich nie möglich sein, denn sie ist über das ganze Gehirn verteilt. Außerdem wollen das, glaube ich, die wenigsten. Man will etwas nicht komplett vergessen, sondern möchte, dass es nicht mehr so negativ ist.

Frau Shaw, sind Sie durch Ihre Arbeit eigentlich besonders misstrauisch geworden?
Ich misstraue Erinnerungen, meinen eigenen und denen anderer. Aber das heißt nicht, dass ich einen negativen Blick habe. Für das normale, persönliche Leben ist meine wichtigste Erkenntnis: Die wahrgenommene und erinnerte Realität ist meine ganz eigene, ob sie stimmt oder nicht. Eine objektive Realität existiert gar nicht. Ich finde es faszinierend, wie unterschiedlich die Erinnerungen sind. Im Alltag ist es auch meistens gar nicht so wichtig, was genau passiert ist. Sondern wie ich es jetzt empfinde. Und diese Erkenntnis finde ich schön.

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