Abgeschottet von der Welt

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Geheimnisvoll und verführerisch: Fenster : Aussichtsreich
Fenster, Fenster und noch mal Fenster. Seit Jahren ist die New Yorker Fotografin "besessen" von ihrem Motiv, wie sie sagt. Hier: ein Haus in Paris.
Fenster, Fenster und noch mal Fenster. Seit Jahren ist die New Yorker Fotografin Gail Albert-Haliban "besessen" von ihrem Motiv,...Foto: Gail Albert-Haliban/Edwynn Houk Gallery

In Berlin wohnt der Architekt an der viel befahrenen Torstraße. Dort steht er gern an der Fensterfront und genießt die urbane Aussicht. Öffnen lassen sich die Scheiben nur schwer, eine Raumluftanlage sorgt für frische Luft. Verkehrte Welt – früher waren es eher Gefängnisinsassen, die ihre Fenster nicht öffnen konnten.

Das muss man mögen, sich physisch so abzuschotten von der Außenwelt. Es hat noch einen anderen Nachteil: Die Außenscheiben lassen sich nicht mehr von innen säubern. Fensterputzer müssen von unten hochfahren oder sich von oben abseilen, was vor allem bei Hochhäusern, im Wind heftig schaukelnd, kein Spaß ist.

Für Lars Nickel ist es ein Zeichen von Rücksichtslosigkeit, so zu bauen. Seine eigenen Kunden haben eher Altbau-Doppelkastenfenster. Seit fünf Jahren finanziert er sein Leben als Fotograf mit dem Fensterputzen. „Eine schöne Arbeit“, findet der 45-Jährige. „Man sieht, was man geschafft hat. Und – noch besser – es wird von selbst wieder schmutzig, man hat also immer zu tun.“ Die Hausbesuche nutzt er zum Fotografieren, seine „Ansichten eines Fensterputzers“ sind in einer Wanderausstellung zu sehen (bis zum 28. Mai im Aufbauhaus am Moritzplatz). Dabei dreht er dem Fenster allerdings den Rücken zu, lichtet die Bewohner in ihrer Wohnung ab.

Im Mai wird Nickel seine Porträts in New York zeigen. Wohnen kann er bei einem Bekannten, unter einer Bedingung: dass er dessen Fenster putzt. Eine besondere Herausforderung, denn die lassen sich in alten amerikanischen Häusern nicht aufklappen, nur hochschieben.

Diese undichten Dinger sind Lichtjahre entfernt von den Hightechkonstruktionen, zu denen Fenster heute geworden sind. Die können praktisch alles, dichten, dämmen, vor Licht und Dunkelheit schützen, Energie gewinnen, ja, sogar zur Projektionsfläche, zu Medienfassaden werden. Dabei geht dann allerdings das Wichtigste verloren: der Durchblick.

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