Geschenkkolumne : Über das Wesen der Geht-immer-Gabe

Die Jahreszeit der Präsentboxen bricht wieder an. Aber was schenkt man Menschen, die schon alles haben?

Blumen als Geschenk. Üppige Sträuße gönnt man sich selber selten.
Blumen als Geschenk. Üppige Sträuße gönnt man sich selber selten.Foto: imago/Photocase

Liebe Freunde, bitte schenkt mir keine Saunatücher mehr! Ich habe schon zehn. Dabei gehe ich doch nie in die Sauna. Mir ist es dort zu heiß. Aus demselben Grund steige ich auch nicht in die Wanne und mache keinen Badeurlaub. Am Strand kann ich die Tücher also genauso wenig ausbreiten.

Ich weiß, ich weiß, ich bin selber schuld. „Du hast ja schon alles“, meinte eine Freundin leicht vorwurfsvoll. Okay, nicht alles, aber vieles, zu vieles. Weshalb ich einen Großteil meiner Freizeit damit verbringe, Dinge, die ich angeschafft habe, wieder auszusortieren. „Selbstjustiz durch Fehleinkäufe“, brachte mein Bruder Martin die eigene Dummheit auf den Punkt. Das ein oder andere Präsent muss auch dran glauben: um wieder Luft zu schaffen. Die Prozedur dauert allerdings. Ich kann mich so schwer trennen.

Ein Saunatuch, setzte jene Freundin fort, „kann man immer gebrauchen“. Hm, dachte ich. Interessante Definition. Fasst vieles. Essen zum Beispiel geht immer. Trinken auch. Beides füllt dankenswerterweise nur den Bauch und nicht die Wohnung.

Socken sind verpönt

Wobei ich eine merkwürdige Beobachtung gemacht habe. In meiner persönlichen Statistik kommen auf eine Flasche Weißwein (von Gästen, die mich gut kennen) ungefähr acht rote. Nur weil er potenziell teurer ist, scheint Rotwein immer noch als kostbarer zu gelten. Dazu kommen zwei Flaschen Champagner, Sekt oder Prosecco – und im Sommer vier Mal Rosé. Dabei lasse ich keine Gelegenheit aus, der Welt meine Abneigung gegen diesen kundzutun, der nichts Halbes und nichts Ganzes ist. Die Renaissance des Rosés habe ich damit nicht stoppen können.

Das Geht-immer-Geschenk der Schauspielerin Chloe Grace Moretz sind Socken. Die könne jeder gebrauchen, hat sie kürzlich in einem Interview gesagt, die kämen überall gut an. Auf Reisen halte sie stets Ausschau nach „landestypischen“ Exemplaren. Die Frau ist 21. In meiner Generation sind Socken so verpönt wie Schlipse. Es sei denn, jemand hat die Strümpfe selbst gestrickt, für lange Winterabende und kalte Hütten.

Bei Blumen dachte ich früher genauso: wie einfallslos. Heute erfreue ich mich daran. Üppige Sträuße gönnt man sich ja selber nicht. Die ideale Voraussetzung für ein Geschenk.

Wer packen lässt, zahlt drauf

Wie bei Pralinen. Kauft man sich eigentlich nie selber. Unser Onkel Otto, der in Zürich wohnte, schickte jedes Jahr zu Weihnachten Sprüngli-Pralinen. Gierig stürzten wir uns darauf, Marzipan zuerst. Nougat als Nächstes, die mit Alkohol blieben immer als Letztes übrig. Leider versiegte die Quelle mit des Onkels Tod. Aber die malerischen Schachteln blieben. Die konnten auch als Geschenkverpackung verwendet werden. Kisten – und es waren mehrstöckige Kisten, keine platten Schachteln, Onkel Otto war großzügig – haben ja immer was von geheimnisvollen Schatztruhen. Pralinen liegen nicht zufällig häufig auf Goldfolie, in kleinen Höhlen.

Jetzt bricht wieder die Jahreszeit der Präsentboxen an. Besonders hübsche packt Brigitta Zettl in Österreich ein. Handgemachtes Lebkuchenkonfekt, Chili-Verhackertes vom MangalitzaSchwein, Trüffel-Salami aus Italien und andere Delikatessen werden in der Holzkiste auf Engelshaar gebettet. Eine clevere Marketingidee, die Basis von Zettls seit 20 Jahren florierendem Geschäft. Das Ganze kostet, klar, mehr als die Summe aller Einzelteile. Wer packen lässt, zahlt drauf.

Die Geht-immer-Gabe par excellence ist natürlich das Buch. Dachte ich zumindest. Bis der E-Reader kam. Wie soll man denn einen Download verpacken?

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