In einem war Farbe drin

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Geschichte der Eierwürfe : Rohe Argumente
Illustration: Susanne Schmidt

Der Bellizist

Schon 1999, also zwei Jahre vor Christian Ströbele, trifft es mit Joschka Fischer einen Grünen. Schauplatz ist Bielefeld, die Grünen haben zum Sonderparteitag geladen. Anlass ist der Kosovo-Krieg.

Ursprünglich eine jugoslawische Provinz, kämpfen seit 1998 paramiltärische Einheiten der albanischen Bevölkerungsgruppe für die Unabhängigkeit von Serbien. Als Serbien im März 1999 die Stationierung einer Nato-Friedenstruppe im Kosovo ablehnt, gleichzeitig Pläne bekannt werden, dass Serbien die Vertreibung der Kosovo-Albaner vorbereite, weitet sich der Konflikt zum Krieg zwischen Jugoslawien und der Nato aus – wobei bis heute nicht klar ist, ob es serbische Pläne zur ethnischen Säuberung gab und diese bereits begonnen hatte. Der Kriegseinsatz war und ist völkerrechtlich umstritten.

In Bielefeld wollen die Delegierten der Grünen darüber beschließen, ob sich die Bundesrepublik an diesem Krieg beteiligen soll, dem ersten Kampfeinsatz deutscher Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg. Joschka Fischer, Außenminister der rot-grünen Bundesregierung, wirbt vehement für den Einsatz mit den Worten, er sei nicht nur für „nie wieder Krieg“, sondern auch für „nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord“. Er kündigt an, dass er diesen Beschluss nicht umsetzen werde, wenn die Delegierten sich für einen Stop des Angriffs der Nato aussprechen würden. Die Rede muss er unter Schmerzen halten, denn vor Beginn hat ihn ein Farbei am Kopf getroffen und das Trommelfell verletzt. Fischer setzt sich mit seiner Position durch.

Der Untote

Es ist der 11. Oktober 1993 und Eberhard Diepgen, damals Berlins Regierender Bürgermeister, will am Potsdamer Platz mit einem symbolischen Spatenstich die Bauarbeiten für das noch weitgehend leere Areal eröffnen. Da tritt Dieter Kunzelmann auf, stadtbekannter Politclown und Ex-Bewohner der Kommune 1, einst berühmteste Wohngemeinschaft des Landes. Kunzelmann knallt ein Ei auf Diepgens Dienstwagen, bei dem die Windschutzscheibe springt. Das bringt ihm einen Prozess ein. Zwei Jahre später, am mittlerweile achten Verhandlungstag, sehen sich die beiden vor Gericht wieder. Kunzelmann hat wieder ein Ei mitgebracht und haut es Eberhard Diepgen auf den Kopf. Für die erste Attacke kriegt Kunzelmann fünf, für die zweite sechs Monate. Doch er entzieht sich der Haftstrafe, indem er verbreiten lässt, er sei tot. Erst 1999 taucht er wieder auf und sitzt seine Strafe ab.

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