Kohl stürmt nach vorn

Seite 3 von 4
Geschichte der Eierwürfe : Rohe Argumente
Illustration: Susanne Schmidt

Die Praktikantin

Der Praktikumsplatz, den Monica Lewinsky 1995 ergattert, ist äußerst begehrt: Er ist im Weißen Haus in Washington. So etwas kann einem Türen öffnen. Tatsächlich wird sie die berühmteste Praktikantin der Welt, nachdem Präsident Bill Clinton mit ihr eine außereheliche Affäre beginnt. Weil Clinton die Affäre zunächst bestreitet, wird gegen ihn ein Amtsenthebungsverfahren wegen Falschaussage angestrengt, das nur knapp scheitert. Die Ausführungen Lewinskys gewinnen dadurch derart an Brisanz, dass ihre Geschichte zum Buch aufgeblasen schon 1999 auch in Deutschland erscheint. Zur Buchvorstellung kommt Lewinsky am 3. Oktober 1999 nach Berlin, wo sie erwartet wird. Ein Mann bewirft sie auf offener Straße mit Eiern, er hat einen Sechser-Karton in der Hand. Fotograf Rainer Adolph wird Augenzeuge der Szene. Er erinnert sich, der Eierwerfer habe moralische Gründe vorgebracht: „Erst diese geschmacklose Verführung und dann damit die große Kohle machen wollen.“ Der Angreifer wird von der Polizei abgeführt.

Der Kämpferische

Am 10. Mai 1991 besucht Helmut Kohl Halle in Sachsen-Anhalt. Zehn Monate zuvor hat der damalige Bundeskanzler das Versprechen abgegeben, die neuen Bundesländer in einer gemeinsamen Anstrengung in blühende Landschaften verwandeln zu wollen, eine Ankündigung, die euphorisch aufgenommen wurde. Jetzt, ein halbes Jahr nach der Einheit, schlägt ihm nicht nur Begeisterung, sondern auch Misstrauen entgegen.

Die Enttäuschung scheint beiderseitig zu sein, immerhin fließen gewaltige Summen in den Erhalt des mitteldeutschen Chemiedreiecks, des industriellen Ballungsraums um Halle, Merseburg und Bitterfeld. Als Helmut Kohl den Marktplatz betritt, fliegen Eier, treffen auch ihn. Unter den Werfern ist Halles Juso-Vizechef Matthias Schipke, der später sagt, das sei eigentlich mehr als Spaß geplant gewesen. Nicht gerechnet habe man mit Kohls Reaktion. Der duckt sich nämlich nicht weg, sondern stürmt an seinen Bodyguards vorbei auf das Absperrgitter zu, will den Eierwerfer persönlich zur Rede stellen. Das heißt, es sieht sogar so aus, als ob er ihn verprügeln will. Mit Mühe können Sicherheitsbeamte Kohl zurückhalten.

In Bonn verlangt die CDU wegen der Beteiligung eines Jusos eine Entschuldigung. Für die SPD verurteilt Franz Müntefering die „extremistischen Ausschreitungen“, andererseits habe der Kanzler aber leichtfertig Illusionen geweckt, das sei das eigentliche „dicke Ei“. Helmut Kohl setzt seine Reise derweil fort.

4 Kommentare

Neuester Kommentar