Geschichte der Eierwürfe : Rohe Argumente

Politische oder moralische Entrüstung entlädt sich heute im digitalen Shitstorm. Früher wurden Eier geworfen. Es traf Linke ebenso wie Konservative. Acht historische Beispiele.

Illustration: Susanne Schmidt

Der Historische

Es war der 5. Mai 1966 und zum ersten Mal überhaupt flogen in Deutschland Eier gegen eine amerikanische Einrichtung. Fotos gibt es nicht von der Szene, aber Augenzeugen. Einer, Friedrich Christian Delius, beschrieb sie in seinem Buch „Amerikahaus und der Tanz um die Frauen“. Wie der gelbe Dotter die mit blauen und roten Mosaiksteinen geflieste Wand hinunter rann, wie ein zweites und drittes Ei aus der Menge geflogen kam, ein viertes das stilisierte Sternenbanner an der Fassade des Berliner Amerikahauses neben dem Bahnhof Zoo verfehlte.

Der Schaden war nicht messbar, doch die Aktion schlug ungeheure Wellen. Vor allem in West-Berlin selbst, wo die freundschaftlichen Bande zur amerikanischen Schutzmacht besonders fest schienen, galten sie doch als Garant gegen die Bedrohung aus dem Osten. Immerhin hatten sowjetische Truppen die Halbstadt umzingelt. Nirgendwo sonst wurde also genauer hingeguckt, wenn Studenten gegen den Krieg der Amerikaner in Vietnam demonstrierten.

Wolfgang Schwiedrzik, 1962 Mitbegründer der Schaubühne, bekannte später, er habe die Eier in der Lebensmittelabteilung von Bilka, einem Kaufhaus gleich um die Ecke, gekauft: zehn Stück für 1,99 DM. Wobei er eigentlich gar nichts gegen das Amerikahaus gehabt habe, im Gegenteil, er schätzte sowohl die dortige Bibliothek als auch die Kulturveranstaltungen.

Bürgermeister Willy Brandt entschuldigte sich hinterher bei den Amerikanern, die Opposition verlangte den Rücktritt des Innensenators, die Amerikaner selbst blieben gelassen.

Der Unerschrockene

Am 31. Mai 1994 macht der „Bund freier Bürger“ auf dem Bonner Münsterplatz Europawahlkampf. Die neue Partei um den abtrünnigen FDP-Politiker Manfred Brunner ist erst vier Monate alt und vor allem gegen die Einführung des Euros. Von außen wird sie mit ihren Deutschland-zuerst-Parolen als eher rechtspopulistisch eingestuft. Eigentlich sollte die Kundgebung in einem Hotel stattfinden, doch der Hotelleitung sind die Gäste suspekt. Nun also unter freiem Himmel, vor 1000 Gegendemonstranten. Eier fliegen, Brunner guckt säuerlich. Sein Ehrengast, der

Österreicher Jörg Haider, spricht einfach weiter, selbst als ihn Eier und auch ein paar Tomaten treffen. Haider, von oben bis unten bekleckert, hebt die Hände wie im Triumph. Am Ende kriegt Brunners BfB ein Prozent und verschwindet bald in der Versenkung. Haiders FPÖ wird fünf Jahre später zum Entsetzen der europäischen Nachbarn zweitstärkste Fraktion in Österreich.

Illustration: Susanne Schmidt

Der Ängstliche

Im Juli 2001 reist die Führung von CDU und CSU nach Berlin, um ihren Spitzenkandidaten Frank Steffel bei den Abgeordnetenhauswahlen zu unterstützen. Steffel ist erst 35 Jahre alt und so etwas wie ein Newcomer, er tritt gegen den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit an. Bei der Kundgebung auf dem Alexanderplatz spricht Angela Merkel, und es bleibt zunächst vergleichsweise ruhig. Dann ergreift Edmund Stoiber, damals bayerischer Ministerpräsident, das Mikrofon, und die ersten Eier fliegen. Steffel tritt nach vorn und sagt, als er im November 1989 die Mauer habe fallen sehen, hätte er sich nie vorstellen können, auf dem Alexanderplatz einmal so empfangen zu werden. Noch mehr Eier fliegen, die Situation eskaliert, und die Wahlkämpfer müssen das Podium räumen. Später werden Fotos Frank Steffel zeigen, wie er sich hinter Edmund Stoiber in Deckung bringt, den Bayer dabei an den Schultern festhält. Stoiber sei rückwärts auf ihn zugetreten, sagt er. Und versucht so zu erklären, weshalb er irgendwie ängstlich wirkt, dabei eine denkbar unglückliche Figur abgibt. Die CDU verliert gegenüber den Wahlen zuvor 17 Prozent.

Der Alternative

Am 5. Juli 2011 soll in Bonn die Afghanistan-Konferenz zusammentreten, 1000 Delegierte aus 85 Ländern haben sich angekündigt, beraten werden soll über weitere Unterstützung, aber auch über den bevorstehenden Truppenabzug. Bereits zwei Tage vorher ist eine Kundgebung geplant, auf der die Gegner des Afghanistan-Einsatzes gegen jede Einmischung von außen und für einen sofortigen Truppenabzug demonstrieren wollen.

Dort spricht Gregor Gysi für die Linke und wird mit Applaus bedacht. Nach ihm will Grünen-Politiker Christian Ströbele das Wort ergreifen.

Ströbele hat seit Beginn der Afghanistan-Debatte immer gegen den Bundeswehreinsatz gestimmt, doch jetzt schlägt ihm Ablehnung entgegen. Ein Ei trifft ihn hart am Kopf, er muss sich erst wieder fassen, bevor er seine Rede beginnen kann. Doch er wird auch in der Folge immer wieder von Parolen und Pfiffen unterbrochen. Ströbele, der einen Schnitt an der Nase erlitten hat, wird mit den Worten „Blut, Blut, Blut an den Händen“ beschimpft. Der Vorwurf bezieht sich nicht auf die Verletzung, sondern auf den Beschluss der rot-grünen Bundesregierung, die 2001 als erste deutsche Soldaten nach Afghanistan geschickt hatte.

Illustration: Susanne Schmidt

Die Praktikantin

Der Praktikumsplatz, den Monica Lewinsky 1995 ergattert, ist äußerst begehrt: Er ist im Weißen Haus in Washington. So etwas kann einem Türen öffnen. Tatsächlich wird sie die berühmteste Praktikantin der Welt, nachdem Präsident Bill Clinton mit ihr eine außereheliche Affäre beginnt. Weil Clinton die Affäre zunächst bestreitet, wird gegen ihn ein Amtsenthebungsverfahren wegen Falschaussage angestrengt, das nur knapp scheitert. Die Ausführungen Lewinskys gewinnen dadurch derart an Brisanz, dass ihre Geschichte zum Buch aufgeblasen schon 1999 auch in Deutschland erscheint. Zur Buchvorstellung kommt Lewinsky am 3. Oktober 1999 nach Berlin, wo sie erwartet wird. Ein Mann bewirft sie auf offener Straße mit Eiern, er hat einen Sechser-Karton in der Hand. Fotograf Rainer Adolph wird Augenzeuge der Szene. Er erinnert sich, der Eierwerfer habe moralische Gründe vorgebracht: „Erst diese geschmacklose Verführung und dann damit die große Kohle machen wollen.“ Der Angreifer wird von der Polizei abgeführt.

Der Kämpferische

Am 10. Mai 1991 besucht Helmut Kohl Halle in Sachsen-Anhalt. Zehn Monate zuvor hat der damalige Bundeskanzler das Versprechen abgegeben, die neuen Bundesländer in einer gemeinsamen Anstrengung in blühende Landschaften verwandeln zu wollen, eine Ankündigung, die euphorisch aufgenommen wurde. Jetzt, ein halbes Jahr nach der Einheit, schlägt ihm nicht nur Begeisterung, sondern auch Misstrauen entgegen.

Die Enttäuschung scheint beiderseitig zu sein, immerhin fließen gewaltige Summen in den Erhalt des mitteldeutschen Chemiedreiecks, des industriellen Ballungsraums um Halle, Merseburg und Bitterfeld. Als Helmut Kohl den Marktplatz betritt, fliegen Eier, treffen auch ihn. Unter den Werfern ist Halles Juso-Vizechef Matthias Schipke, der später sagt, das sei eigentlich mehr als Spaß geplant gewesen. Nicht gerechnet habe man mit Kohls Reaktion. Der duckt sich nämlich nicht weg, sondern stürmt an seinen Bodyguards vorbei auf das Absperrgitter zu, will den Eierwerfer persönlich zur Rede stellen. Das heißt, es sieht sogar so aus, als ob er ihn verprügeln will. Mit Mühe können Sicherheitsbeamte Kohl zurückhalten.

In Bonn verlangt die CDU wegen der Beteiligung eines Jusos eine Entschuldigung. Für die SPD verurteilt Franz Müntefering die „extremistischen Ausschreitungen“, andererseits habe der Kanzler aber leichtfertig Illusionen geweckt, das sei das eigentliche „dicke Ei“. Helmut Kohl setzt seine Reise derweil fort.

Illustration: Susanne Schmidt

Der Bellizist

Schon 1999, also zwei Jahre vor Christian Ströbele, trifft es mit Joschka Fischer einen Grünen. Schauplatz ist Bielefeld, die Grünen haben zum Sonderparteitag geladen. Anlass ist der Kosovo-Krieg.

Ursprünglich eine jugoslawische Provinz, kämpfen seit 1998 paramiltärische Einheiten der albanischen Bevölkerungsgruppe für die Unabhängigkeit von Serbien. Als Serbien im März 1999 die Stationierung einer Nato-Friedenstruppe im Kosovo ablehnt, gleichzeitig Pläne bekannt werden, dass Serbien die Vertreibung der Kosovo-Albaner vorbereite, weitet sich der Konflikt zum Krieg zwischen Jugoslawien und der Nato aus – wobei bis heute nicht klar ist, ob es serbische Pläne zur ethnischen Säuberung gab und diese bereits begonnen hatte. Der Kriegseinsatz war und ist völkerrechtlich umstritten.

In Bielefeld wollen die Delegierten der Grünen darüber beschließen, ob sich die Bundesrepublik an diesem Krieg beteiligen soll, dem ersten Kampfeinsatz deutscher Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg. Joschka Fischer, Außenminister der rot-grünen Bundesregierung, wirbt vehement für den Einsatz mit den Worten, er sei nicht nur für „nie wieder Krieg“, sondern auch für „nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord“. Er kündigt an, dass er diesen Beschluss nicht umsetzen werde, wenn die Delegierten sich für einen Stop des Angriffs der Nato aussprechen würden. Die Rede muss er unter Schmerzen halten, denn vor Beginn hat ihn ein Farbei am Kopf getroffen und das Trommelfell verletzt. Fischer setzt sich mit seiner Position durch.

Der Untote

Es ist der 11. Oktober 1993 und Eberhard Diepgen, damals Berlins Regierender Bürgermeister, will am Potsdamer Platz mit einem symbolischen Spatenstich die Bauarbeiten für das noch weitgehend leere Areal eröffnen. Da tritt Dieter Kunzelmann auf, stadtbekannter Politclown und Ex-Bewohner der Kommune 1, einst berühmteste Wohngemeinschaft des Landes. Kunzelmann knallt ein Ei auf Diepgens Dienstwagen, bei dem die Windschutzscheibe springt. Das bringt ihm einen Prozess ein. Zwei Jahre später, am mittlerweile achten Verhandlungstag, sehen sich die beiden vor Gericht wieder. Kunzelmann hat wieder ein Ei mitgebracht und haut es Eberhard Diepgen auf den Kopf. Für die erste Attacke kriegt Kunzelmann fünf, für die zweite sechs Monate. Doch er entzieht sich der Haftstrafe, indem er verbreiten lässt, er sei tot. Erst 1999 taucht er wieder auf und sitzt seine Strafe ab.

4 Kommentare

Neuester Kommentar