Ein Überläufer hatte ihn verraten

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Geschichte eines KGB-Spions : „Ich habe einen Pakt mit dem Teufel geschlossen“
1978-2004: Sein Leben als KGB-Spion. Barsky arbeitete in den USA in einer Versicherungsgesellschaft.
1978-2004: Sein Leben als KGB-Spion. Barsky arbeitete in den USA in einer Versicherungsgesellschaft.Foto: promo

Der KGB schickte ihn in die USA, ab Herbst 1978 lebte er in New York. Er sollte wichtige Leute kennenlernen. Das klappte zwar nicht, aber er studierte Informatik, arbeitete in einer Versicherungsgesellschaft und empfahl dem KGB 40 bis 50 Studenten, die als Spione infrage kommen könnten. Das FBI hatte keine Ahnung von dem KGB-Mitarbeiter Barsky. Der flog erst 1991 auf. Ein Überläufer hatte ihn verraten. Nach jahrelanger Überwachung wurde Barsky 1997 verhaftet. Weil er mit dem FBI kooperiert hatte, blieb er straffrei.

Doch das Leben bis zum Abschied vom KGB war vor allem eines, in dem er Vertrauen missbrauchte. „Er hinterließ emotionale Verwüstung“, sagt Rosemarie Meinhart. Das erfuhr sie natürlich alles viel später. Ein Opfer dieser Verwüstung war Christiane, seine Freundin, die er 1980 in der DDR bei einem Heimaturlaub geheiratet hatte. Wenn er sie besuchte, brachte er teure Geschenke mit. Eine Perlenkette, edle Kleider. Sie ging davon aus, dass er fest in die DDR zurückkommen würde. Seiner Mutter und Freunden erzählte er, dass er in Kasachstan bei einem Weltraumprojekt arbeiten würde. Judith Dittrich wird bis zu ihrem Tod ihren Sohn weder sehen noch hören.

Dieser Sohn lebte in den USA innerlich lange gespalten, er merkte es nur über Jahre hinweg nicht. In seiner Gedankenwelt war er vor allem der überzeugte Kommunist. Der Mann, der die USA wegen des Vietnamkriegs hasste und wegen ihrer Rolle beim Militärputsch in Chile. Die Verdrängung funktionierte noch ausgezeichnet, ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken. Die Toten an der Mauer? Nahm er nicht zur Kenntnis, er wollte es nicht. „Ich wusste nicht, dass Ungeziefer hervorkommt, wenn man den Stein umdreht“, sagt er heute. „Wir waren doch immer noch die antifaschistischen Kämpfer.“ Rosemarie Meinhart schaut ihn an, leicht schüttelt sie den Kopf.

„Ich habe den Teufel nicht erkannt“

„Du warst ganz schön verblendet.“

„Ja, ich habe einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Aber ich habe den Teufel nicht erkannt. Er hat sich verstellt.“

„Ich wurde nach dem Studium in die staatliche Plankommission vermittelt. Da sind mir alle Klappen aufgegangen, da merkte ich, was das für eine Lügerei ist. Wenn wir zu dem Zeitpunkt mehr Kontakt gehabt hätten, hättest du, glaube ich, diese KGB-Laufbahn nicht eingeschlagen.“

„Das ist möglich. Man braucht aber Zeit, um diese Verblendung loswerden zu können. Damals war doch die DDR im Aufschwung. Ich weiß nicht, ob es mir sehr geholfen hätte, wenn man mir gesagt hätte, alles in der DDR ist gelogen. Es ist ein Luxus, dass ich mich langsam entgiften konnte.“

Denn diese USA führten nicht bloß Krieg und unterstützten Diktatoren, dort gab es auch einen Alltag. „Uns hat man in der DDR erzählt, Versicherungen seien die schlimmsten Unternehmen“, sagte Barsky in Berlin. Aber in New York arbeitete er selber bei einer. „Und ich fühlte mich wohl.“ Netter Chef, nette Kollegen, gutes Gehalt, kostenloses Essen in der Kantine. „Mein Feindbild“, sagt Barsky, „hat sich so langsam aufgeweicht.“

Er heiratete Penelope nur aus Mitleid

Er spürte es zum Beispiel nach dem Einbruch in seine Wohnung. Der KGB dachte an das FBI und riet Barsky zur schnellen Rückkehr. „In der DDR“, sagt Barsky heute, „hätte ich einen Lada gehabt, eine wunderschöne Wohnung, sogar Telefon. TELEFON. Das muss man sich mal vorstellen. Ich wäre als Held in die DDR zurückgekommen.“ Und natürlich warteten dort Frau und Kind.

Aber Barsky blieb aus zwei Gründen, typisch für seine Zerrissenheit. „Ich wollte wieder zu meinen Kollegen.“ Dann aber auch: „Ich habe mich tatsächlich schuldig gefühlt. Ich war erstmals nicht Klassenbester. Ich hatte ja bis dahin keine großen Geheimnisse abgeliefert.“

Also blieb er, und im Dezember 1986 heiratete er Penelope. Eigentlich nur aus Mitleid. Sie stammt aus Guyana, sie wollte durch die Heirat an einen US-Pass gelangen. Vereinbart war danach eine Trennung. Doch dann, ungeplant, wurde Chelsea geboren. Danach kam auch Jessie auf die Welt, Chelseas Bruder. Diese Familie bildete nach seinem Ausstieg das Zentrum im Leben des Jack Barsky. Alles, was mit DDR und Gesamtdeutschland zusammenhing, hatte er abgehakt. Der Mauerfall? „Ich staunte, mehr nicht.“ 2006 ließen Penelope und er sich scheiden.

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