Seine Mutter zu belügen, fiel ihm nicht schwer

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Geschichte eines KGB-Spions : „Ich habe einen Pakt mit dem Teufel geschlossen“
Seit 2007: Rückkehr in ein normales Leben.
Seit 2007: Rückkehr in ein normales Leben.Foto: promo

Doch Judith Dittrich hatte ihren Sohn nicht abgehakt.

Das Thema steht in Berlin im Raum, Rosemarie Meinhart blickt Jack Barsky eindringlich an.

„Deine Mutter hat mal durch Zufall eine Frau aus meinem Heimatdorf kennengelernt. Zu der sagte sie: ,Sie kennen doch bestimmt die Rosi. Können Sie die nicht mal fragen, ob sie weiß, wo mein Sohn ist?‘“

„Meine Mutter fragte jeden, den sie finden konnte. Sie hat auch an Gorbatschow und Siegmund Jähn, den DDR-Kosmonauten, geschrieben. Keine Antworten.“

„Ihr hattet kein gutes Verhältnis.“

„Nein, sie hat mir nie gezeigt, wie man liebt. Jetzt verstehe ich das. Ihre Eltern waren genauso. Sie konnte es nicht lernen. Ich hatte damals keine Gedanken an meine Mutter, das habe ich total unterdrückt. Emotional fiel es mir nicht schwer, sie zu belügen. Sie hätte ja sofort geplappert.“

Er wollte nie Massenmörder unterstützen

Als es um seine Mutter ging, hielt Barskys emotionaler Schutzschild. Doch diese Mauer brach, als er zwei Bücher las. Die US-Fernsehsendung „60 Minutes“ war 2016 auf ihn aufmerksam geworden, zur Vorbereitung studierte Barsky Literatur über Lenin und die Geschichte des KGB. Da erfuhr er, „was man uns über Lenin nicht gesagt hatte“. Zum Beispiel „dass er empfahl, 2000 Kulaken zur Abschreckung aufzuhängen“. Intellektuell hatte Barsky mit der Ideologie zwar schon Jahre zuvor abgeschlossen. Emotional aber erst, als er von dieser Brutalität seines Idols erfuhr. „Da ist alles kaputtgegangen, was noch von meinem Bild über Lenin übrig geblieben war.“

Wiedersehen. Beim Besuch in Deutschland traf Barsky seine erste Liebe.
Wiedersehen. Beim Besuch in Deutschland traf Barsky seine erste Liebe.Foto: Mike Wolff

Dann der nächste Schock, das Buch „Stalin und seine Henker“. Eine Abhandlung über die grauenhaften Verbrechen des KGB. Irgendwann wurde Barsky von seinen Gefühlen überwältigt. Der Mann, der sich sein Leben lang so gut kontrolliert hatte, der musste weinen, als er zum x-ten Mal auf das Wort „erschossen“ stieß. „Ich hatte immer gesagt, dass ich für eine gute Sache gedient habe. Aber als die weg war, stand ich nackt da.“ Massenmörder wollte er nie unterstützen.

Seine erste Frau hat ihm nicht noch vergeben

Und jetzt? „Man kann den lieben Gott nur um Vergebung bitten.“

Hat er vergeben? „Ja.“

Haben Ihre Frauen Ihnen auch vergeben? „Christiane noch nicht.“

Vor einem Monat hat er mit ihr telefoniert, 90 Minuten lang. „80 Minuten habe ich nur zugehört. Sie zeigte keine Wut, nur Ärger.“ Vielleicht, habe sie gesagt, könne man sich mal treffen. Irgendwann. „Wenn sie alles verarbeitet hat.“

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