Griechenland : In Thessaloniki gibt es DJs in Bädern und Schnulzen in Bars

Die Hafenstadt ist bekannt für ihr Nachtleben. Und nach ein paar Drinks kann man Thessaloniki auch viel flüssiger aussprechen.

Veronika Völlinger
Hohe Decken. In den Kuppelhallen des Clubs „Aigli“ befand sich im 16. Jahrhundert ein türkisches Hamam.
Hohe Decken. In den Kuppelhallen des Clubs „Aigli“ befand sich im 16. Jahrhundert ein türkisches Hamam.Foto: Veronika Völlinger

Alle hatten sie von diesem alten Hamam gesprochen, der jetzt ein Club ist. Tanzen in den Kuppelhallen eines türkischen Badehauses aus dem 16. Jahrhundert, gute DJs, das klang aufregend. Begeisterung hatte eine junge Thessalonicherin geäußert, als man ankündigte, ins „Aigli“ zu gehen. Dabei gibt es unzählige Cafés, Kneipen, Bars und Clubs in Griechenlands zweitgrößter Stadt, die im Nachtleben des Landes den Ruf als Nummer eins hat. Die Thessalonicher sind Genießer, auch Bürgermeister Yiannis Boutaris qualmt wie wild und baut Wein an. Doch wenn alle so davon schwärmen, muss es dieser alte Hamam sein.

Am Ende einer steilen Gasse stapeln sich die rot angestrahlten Kuppeln wie Blasen auf dem steinernen Quader des Clubs. An der Seite flimmert „Aigli“ in Neonschrift. Drinnen hängen Discokugeln von der kathedralenhohen Decke. Auf den eng gemauerten Wänden werfen pinkfarbene Leuchten Schatten.

Doch einzig ein paar Gäste schlürfen Cocktails an dicken Holztischen. Kein DJ heute, sagt eine Kellnerin. Nur im Winter. Dabei ist es Samstagabend! Die Vorfreude war so groß, tanzen und schwitzen zu können, wo einst die Menschen badeten und schwitzten. Wieder draußen vor der Tür sitzt eine Streunerkatze auf der Mauer und jammert. Eine kleine griechische Tragödie.

Diese Nacht muss weitergehen

Was also tun, mit der Stadt zu Füßen, umgeben von römischen, byzantinischen, osmanischen Bauten und ohne Vergnügen in Sicht? Diese Nacht muss weitergehen. In Thessaloniki soll es doch angeblich nicht lange dauern, bis irgendwo eine neue Tür aufgeht. Das sollte doch der Zauber dieses Ortes sein, den alle versprochen hatten.

Also hinab aus der Oberstadt ins untere Stadtzentrum. Der Thermaische Golf schwappt an die Kaimauer, ab hier verzweigen sich die Straßen voller Restaurants und Bars. Wie ein Zauberlehrling räumt Dimitris Patronis Fläschchen mit bunten Flüssigkeiten aus dem Kühlschrank. Er trägt eine Schürze aus Jeans, mischt die Drinks für das Hotel Excelsior und behauptet, es seien die besten der Stadt. Goldene Leuchten und türkisfarbene Polster erinnern an die 1920er Jahre, in denen das Haus gebaut wurde.

Amerikaner mögen kein Mastiha

Die Fläschchen mit den handgeschriebenen Etiketten enthalten Blends, selbst gerührte Aromakreationen, in denen sich die Basiszutaten eines Cocktails schon miteinander vereinen. Dimitris gießt eine hellgelbe Flüssigkeit in seinen Chrom-Shaker. Es soll mal ein „American Smash“ daraus werden, im fertigen Blend haben sich Grapefruit, Bergamotte, Gin und Mastiha vereint. Mastiha ist ein griechischer Likör aus dem Harz des Mastixbaums, den die Barkeeperszene für sich entdeckt hat. „Amerikaner sagen, es schmeckt nach rohen Karotten“, sagt Dimitris. Er kann sich darüber nur wundern. Denn es schmeckt wirklich einfach nach Tannennadeln und Baumharz.

Der Barmann schüttelt seinen Blend mit Eis, Basilikum und Zitronensaft. Das Chrom des Shakers reflektiert das Licht, und Dimitris wirbelt ihn so heftig durch die Luft, dass ihm die Haartolle ins Gesicht fällt. Durch ein Sieb schüttet er die blassgelb-grüne Mischung in ein geschliffenes Glas, es beschlägt, so kalt kommt es aus dem Eisschrank. Dimitris sprüht Apfelschaum auf den Drink. Wie er den macht? Er lächelt, schweigt und streut Erdbeerpulver drauf. Erst schmeckt es schaumig-süß beim Trinken, dann harzig-herb.

Blue Cup in Ladadika ist ein Muss

Thessaloniki ist klein. Eine Million Einwohner hat es zwar, aber im Zentrum reichen die eigenen Füße. Das trägt zum guten Ruf des Nachtlebens maßgeblich bei. Wer hier vor die Tür geht, trifft seine Freunde mit ziemlicher Sicherheit irgendwo. „Sie trinken von mittags bis Mitternacht“, sagt Dimitris über die Bewohner von Thessaloniki, das alle nur Saloniki nennen, was sich nach zwei Drinks im Übrigen viel besser aussprechen lässt. Die Stadt ist auch wahnsinnig jung, ein Zehntel sind Studenten.

Dimitris tritt einen Schritt zurück, es scheppert von der erleuchteten Flaschengalerie. Er schaut betrübt zu Boden. „Das war mein Lieblingsrum.“ Eine Kellnerin trägt ihr Tablett vorbei. „Muss wohl ein Geist hier sein“ – „Ein Ex-Barkeeper“, spöttelt Dimitris. Nicht, dass jemand seinen Ruf infrage stellt. Doch er kann den Kollegen auch etwas gönnen. „Du musst ins Blue Cup“, sagt er und kritzelt den Namen auf ein Stück Papier. „In Ladadika, nur ein paar Straßen weiter. Frag nach Vaggelis.“

Ladadika ist ein Viertel, das jede ordentliche Hafenstadt besitzt. Nur ein paar enge Gassen kreuzen sich chaotisch, man könnte zu später Stunde im Kreis laufen und es nicht merken. Das große Feuer von 1917 hat das kleine Vergnügungsviertel verschont. Natürlich waren hier früher die Bordelle für die Matrosen neben den Warenhäusern und Speichern. Natürlich knipste irgendeine Stadtregierung das Rotlicht aus und zog das bürgerliche Nachtleben in die leer stehenden Häuser ein.

Thessalonikis Zentrum ist so klein, dass man sich selten verliert. Abends sind alle unterwegs in Griechenlands größter Unistadt.
Thessalonikis Zentrum ist so klein, dass man sich selten verliert. Abends sind alle unterwegs in Griechenlands größter Unistadt.Foto: B. Rottem/Alamy Stock Photo

Jetzt reihen sich Tavernen und Bars aneinander. Schöne Menschen schlendern übers rumpelige Kopfsteinpflaster, Ausgehen heißt, sich rausputzen. Die Thessalonicher haben eine Vorliebe für Musikkneipen, in denen „Rauchen verboten“-Schilder nur zur Dekoration hängen. So manch ein nationaler Star hatte in den Spelunken seine ersten Erfolge, wie die mittlerweile 80-jährige Sängerin Marinella. Wer in Thessaloniki besteht, schafft es überall, erzählt man sich. Das Publikum singt von dunklen Holztischen aus mit, wenn schnulzige Jungs griechische Popmusik aus den 1980er Jahren auf der Bouzouki, der griechischen Laute, spielen.

Im Blue Cup führt eine Frau mit Kleopatra-Eyeliner und Glitzerhose an die Bar. Seit die Kaffeemaschinen um neun Uhr abends ihren letzten Espresso ausgezischt haben, scheppern Popbeats aus den Boxen. Man kann den Hafenarbeitern von früher dankbar sein, so schöne große Warenhäuser mit roten Backsteinmauern hinterlassen zu haben. Hier sei Olivenöl verkauft worden, sagt ein Kellner im Vorbeirauschen. Dann verschwindet er zwischen den Menschen, nur sein Tablett ist zu sehen, wie es auf zwei Meter Höhe über die Köpfe hinwegwandert.

Hinter der Bar rührt Vaggelis Penikis mit Chromlöffeln durch Gläser und versenkt golfballgroße Eiswürfel darin. Dann wirft er eine Wodkaflasche ein paar Meter nach links zu seinem Kollegen und schüttet seine Drinks aus einem Meter Höhe in Tiki-Becher aus Ton. „Wir sind einfach ein bisschen verrückt“, sagt Vaggelis. Zwei britische Touristen flöten: „Hier sind alle viel netter als in Athen.“

„Hier, das ist von Gorilla!“

Die Uhr zeigt jetzt Mitternacht an. Vaggelis hatte versprochen, spätestens dann würden die Menschen tanzen. Doch sie schlürfen nur durch ihre bunten Strohhalme. Das Summen der Stimmen hält noch immer den Beats stand. Wer bloß schafft es, die Thessalonicher zum Tanzen zu bringen? Vaggelis schüttelt weiter Tiki-Cocktails und schaut mitleidig. „Du musst ins Gorílas“, sagt er. „Ein paar Straßen weiter. Frag nach Achilleas.“

Achilleas Plakidas öffnet eine Bierflasche. „Hier, das ist von Gorilla!“ Er zeigt nach links oben, wo Strobolicht über ein Affen-Emblem zuckt. Einen Stadtzoo hat er sich geschaffen, schwarzes Stahlgitter an den Wänden hält die Gäste zusammen. Achilleas grinst und sagt, er sehe ja selbst aus wie ein Gorilla: schwarzes T-Shirt, schwarze Haare, schwarzer Bart.

Von den Waschbecken der Toilette im zweiten Stock blickt man durch eine Glasscheibe nach unten auf die Tanzfläche, wo die Menschen hin und her schwanken. Und irgendwie klingt es tatsächlich animalisch, was der DJ da in seine Tracks mischt. Hier sei es anders als in anderen Clubs in Thessaloniki, sagen zwei junge Männer. Der DJ spielt Funk und Elektro und tatsächlich wird getanzt. Denn ein bisschen tanzfaul seien sie schon, die Thessalonicher, geben die beiden zu.

Bald tritt Achilleas gegen Vaggelis an

Diese Lücke will er füllen, sagt Achilleas, gute Musik, gute Drinks und Menschen, die sich wieder zu beidem bewegen. Wie im Blue Cup gibt es im Gorílas tagsüber Café und Essen und abends Cocktails. Auch Achilleas mischt seine eigenen Blends. Im niedrigen Keller unter der Tanzfläche steht eine Küche, wie ein Labor, voll bauchiger Kolben und glänzender Apparaturen.

Bald tritt Achilleas in Athen gegen Vaggelis aus dem Blue Cup und zehn andere Finalisten bei der griechischen Barkeeper-Meisterschaft an. Dann steht fest, wer die besten Drinks der Partyhauptstadt mischt. Am Ende sind sie aber wieder nur ein paar Straßen voneinander entfernt, empfehlen sich Gäste, feiern die Nacht.

Achilleas zeigt auf ein Tattoo an seinem Handgelenk, die Evolution des Party-Gorillas. Ein Affe läuft auf allen vieren, dann steht auf, trägt Shorts, und schließlich: hat er einen Cocktail-Shaker in der Hand.

Hinkommen

Easyjet fliegt nonstop ab 80 Euro hin und zurück, Aegan Airlines ab 250 Euro mit Zwischenstopp in München oder Athen.

Unterkommen

Modern: Colors Urban Hotel. Doppelzimmer ab circa 60 Euro. (colorshotel.gr/en)

Zentral: Electra Palace Hotel. Doppelzimmer ab 150 Euro. (electrahotels.gr)

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