Die Aalto-Oper spukte durch meine Jugend

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Heimreise nach Essen : Das alte Ruhrgebiet ist bald Geschichte
Schwinger-Club. Die Aalto-Oper fällt auf durch dynamische Formen.
Schwinger-Club. Die Aalto-Oper fällt auf durch dynamische Formen.Foto: Thomas Schwoerer

Straßenbahn

Mit der Tram sind wir zur Schule gefahren, zum Schwimmen und „in die Stadt“, die lag nur drei Haltestellen von Frillendorf entfernt. Heute fährt man mit der Straßenbahn zur Kultur. Die Nummer 107 hält in Katernberg und an der Zeche Zollverein, der Alten Synagoge und der Lichtburg, dem größten Filmpalast Deutschlands, und dem Folkwangmuseum, dem Grugapark – und schließlich Bredeney. Die einfachste und günstige Art der Stadtrundfahrt. Einmal vom armen Norden in den reichen Süden (kulturlinie107.de). Seit Essen 2017 zur „Grünen Hauptstadt Europas“ gekürt wurde (echt!), gibt es auch eine Naturlinie, Straßenbahn Nummer 105, die zu den Parks führt (naturlinie105.de).

Aalto-Musiktheater

Sie spukte durch meine Kindheit, meine Jugend, die Aalto-Oper, der große Wurf, nach dem sich alle sehnten – kommt sie, kommt sie nicht –, spukte weiter, da lebte ich schon längst nicht mehr in der Stadt, und als sie 1988 endlich gebaut wurde, war der Architekt schon zwölf Jahre tot. Umso mehr genießt man das Vergnügen des heutigen Besuchs, das überwältigende Gefühl, im Foyer zu stehen, durch das Panoramafenster ins Grüne des Stadtgartens zu schauen. Ein Bau mit Schmackes und Schwung, die Wände in weicher Bewegung. Das Eckige gefiel dem Finnen Alvar Aalto so wenig wie das Pompöse. (Opernplatz 10, theater-essen.de/oper).

Museum Folkwang

Picasso bin ich begegnet, lange bevor ich seinen Namen buchstabieren konnte, zusammen mit Beckmann, Matisse und Klee. Ob wir wollten oder nicht, unser Vater schleppte uns so regelmäßig ins Folkwangmuseum wie ins Grugabad. Den Gang durch die hellen Räume der leichten 50er-Jahre-Pavillon-Architektur habe ich in bester Erinnerung, führte er doch zum Kinosaal, in dem wir Kleinen tschechische und polnische Zeichentrickfilme sahen. Hier habe ich mich auch in die Fotografie verliebt – das Folkwang, seit seiner Gründung in den 1920er Jahren eine progressive Institution, war eines der ersten deutschen Museen, das Fotografie als Kunstform ernst nahm. Dank der Stiftung Krupp konnte man sich 2010 eine moderne Erweiterung von David Chipperfield leisten, und inzwischen sogar freien Eintritt zur hochkarätigen Sammlung (Museumsplatz 1, museum-folkwang.de). Und das Beste: Gegenüber gibt’s noch eine Bude mit Lakritz.

Margarethenhöhe

Krupp war früher überall. Im Kruppschen Krankenhaus kriegten wir die Polypen entfernt, im Kruppschen Konsum ging unsere Mutter billig einkaufen, und in die alte Kruppsche Residenz, die Villa Hügel, ein „Einfamilienhaus“, wie es im Grundbuch steht, mit 269 Zimmern, wurden auswärtige Besucher in Ausstellungen geführt. Lohnt sich heute noch, wegen der Geschichte, des Parks und des herrlichen Blicks auf den Baldeneysee. Hier startet eine der „Routen der Industriekultur“. Sympathischer allerdings ist die Margarethenhöhe: eine englische Gartenstadt mitten im Ruhrgebiet, die erste im ganzen Land, 1906 von Margarethe Krupp anlässlich der Hochzeit ihrer Tochter Berta gestiftet. Die Siedlung mit den malerischen Häusern, samt Giebel, Erker und bunten Türen, ist ein Musterbeispiel menschenfreundlichen, erschwinglichen Wohnens und entsprechend begehrt. Reisende mieten sich einfach im historischen Hotel am Marktplatz ein (Mintrops Stadt Hotel Margarethenhöhe, Steile Straße 46, mintrops-stadthotel.de). Am besten schließt man sich einer Führung durch die Margarethenhöhe an, so kommt man auch ins Atelierhaus und die Musterwohnung (organisiert vom Ruhr Museum).

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