Essen zählte mal zur Avantgarde

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Heimreise nach Essen : Das alte Ruhrgebiet ist bald Geschichte
Eck-Haus. In der Margarethenhöhe sieht man noch Giebel und Erker.
Eck-Haus. In der Margarethenhöhe sieht man noch Giebel und Erker.Foto: Peter Wieler

Rüttenscheid

Rüttenscheid, das war für uns die große, weite Welt. So schwer die Stadt im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde (Krupp sei Dank), hier stehen noch ein paar Altbauten herum, kleiner, bescheidener als in Berlin, aber immerhin. An der Rü, so nennen sie hier die Rüttenscheider Straße, als sei’s die Champs-Élysées, reiht sich Kneipe an Restaurant an Kino. Nachmittags isst man Sahnetorte im Café Kötter, guckt abends Filme im Studio Glückauf, dem ältesten Kino des Ruhrgebiets, im Original-Look meiner Kindheit, und nachts um vier verspeist man Strammen Max in der „Ampütte“, der ältesten Kneipe der Stadt, um die Ecke vom Folkwangmuseum. In Rüttenscheid ist die kleine Elke Heidenreich Rollschuh gefahren und hat Kohle aus dem Keller hochgeschleppt. Alles, was lustig, spontan und laut an ihr sei, komme hierher, hat Heidenreich, die als Else Stratmann berühmt wurde, gesagt.

Heiliger Schutzengel

Frillendorf. Mein Frillendorf gibt’s nicht mehr. Bauer Schmidt und seine Felder: weg. Unser Garten: zugebaut. Die Häuser der Nachbarn: abgerissen und durch hässliche Nachfolger ersetzt. Die Zeche dient heute als Gewerbegebiet. Nur der Heilige Schutzengel steht noch. An der Katholischen Kirche liefen wir auf dem Weg zur evangelischen Volksschule vorbei, damals lernte man noch nach Konfessionen getrennt. Mir war nie aufgefallen, wie schön die expressionistische Backsteinkirche ist. Essen zählte mal zur Avantgarde, Hochburg moderner Reformarchitektur, das Moltkeviertel ist ein schönes Beispiel dafür, die evangelische Auferstehungskirche von Otto Bartning, in der ich zum Entsetzen unserer Lehrerinnen Hanni und Nanni unter der Kirchenbank geschmökert habe. Hat mich fast den Bibliotheksausweis gekostet. Zumindest als katholisches Gotteshaus wird auch der Schutzengel verschwinden, 2025 muss die Frillendorfer Gemeinde umziehen. Die Kirchen müssen sparen und legen Gottesdienste zusammen.

Werden

Der Norden der Stadt war dreckig und arm, der Süden reich und grün. Die Kumpel wohnten in Katernberg, die Wohlhabenden am Baldeneysee. Essen wurde der Schreibtisch des Ruhrgebiets genannt, Rußland-Besucher waren ganz überrascht: Dass es so was im Pott gibt! Dass Essen älter ist als Berlin, kann man in Werden erkennen. Ein romantischer alter Ort, ein richtiges Uni-Städtchen, mit der legendären Folkwangschule, inzwischen Universität der Künste, aus demselben Geist wie das Museum geboren, die berühmteste Absolventin heißt Pina Bausch. Am zauberhaftesten spaziert es sich hier an einem Sommertag, wenn aus den Schulfenstern Mozart und Chopin herauswehen. Und hinterher ein Sauresahneeis bei Ernst Kimmeskamp, kurz: Kika’s Eiscafé.

Wie sagte der Mann in Katernberg am Markt beim Abschied zu seinem Kumpel? „Bleib artich!“ „Du auch, hömma.“

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